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+Von der Schönheit des Alltäglichen*/
Nicht erst seit gestern hat der Alltag Einzug in
die Kunst gehalten - schon lange haben wir uns
daran gewöhnt, auf Orte, Dinge und Rituale des
Alltäglichen zu blicken. Auch wenn in der Kunst
seit über hundert Jahren für den Eigenwert des
Hässlichen eingetreten und gegen die Vormacht
des Ästhetischen rebelliert wurde, hat sich unser
Auge inzwischen daran gewöhnt, so manch
Unansehnliches doch noch schön zu finden. Das
Schöne ist also wandelbar und hat in den
vergangenen Jahrhunderten des öfteren sein
Gesicht verändert. In letzter Zeit hat sie sogar
wieder Konjunktur, die Schönheit – und doch
muss sie nicht zwingend im Gewand makelloser
Jugendlichkeit und begehrenswerter Attraktivität
auftreten. Vielmehr haben Malerei und Skulptur
dem Alltag in letzter Zeit erneut ihr Augenmerk
zugewandt, dessen eigenartige Schönheit sie im
Licht des Realen darstellen. Die
Zeitgenossenschaft des uns alle angehenden,
manchmal so banalen und dennoch
geheimnisträchtigen Alltags, der mit Farbe ins
Bild gesetzt oder dem eine neue materielle
Präsenz verliehen wird, präsentiert unsere
Gruppenausstellung zum Jahresende mit
insgesamt elf künstlerischen Positionen aus
Malerei und Skulptur./
Ruth Bussmann aktualisiert mit ihrer ebenso
figurativen und abstrakten Malerei die Schönheit
in Gestalt des Erhabenen. Sie zeigt Menschen,
die gleichermaßen alltäglich wie dem Alltag
enthoben sind, indem sie sie einen scheinbar
unendlichen farbigen Bildraum platziert. In
seinen figurativen Skulpturen von Kindern und
Tieren schafft Gregor Gaida irritierende
Situationen, die nur auf dem ersten Blick
entschlüsselbar erscheinen und so vor allem die
Ambivalenz des Alltäglichen veranschaulichen.
Anja Ganster widmet sich in ihrer Malerei der
Darstellung außergewöhnlich illuminierter
Räume, die augenscheinlich täglich benutzt
werden, doch im Moment ihres Zeigens
vollkommen menschenleer sind und so den Blick
für die Schönheit des Nebensächlichen eröffnen.
In den großformatigen Pastellarbeiten Diana
Rattrays begegnen uns farblich überhöhte
Familienbilder, deren schwarzweiße
fotografische Vorlagen überwiegend aus den
1950er und 1960er Jahren stammen. Die
ambivalente Schönheit dieser Abbilder bringt die
Schattenseiten des Ideals von der heilen Familie
äußerst subtil zur Anschauung. Peter Rusam
führt alltägliche Medienbilder aus massenhaft
verbreiteten TV-Serien als Folien für etablierte
Schönheitsvorstellungen vor und legt dabei
bewusst deren Konstruktion offen. Die
aufwändigen Bildwerke von Martin F. Sprengler
verleihen solch häufig auftretenden urbanen
Strukturen wie Autobahnkreuzen eine entrückt
wirkende Schönheit, indem er ihnen in seinen
ornamentalen, geweißten Reliefs neue Gestalt
verleiht. Den Bildwelten von Kaya Theiss liegen
klassische Vorstellungen von Arkadien
zugrunde, die die Künstlerin mittels
summarischer Anordnungen zu ironisieren
vermag. Monika Thiele wandelt fotografische
Porträts von Freundinnen in meisterhafte,
transparente Fadenbilder, so dass Vexierbilder
weiblicher Schönheit entstehen. Die Gemälde
von Florian Thomas zeigen die Idylle des
amerikanischen Traums aus der Nachkriegszeit,
als eine hauptsächlich funktionale Gestaltung
des Alltags sowie der ungebrochene Glaube an
Fortschritt und Mobilität weltweite Verbreitung
fanden. Jan de Vliegher bietet mit seiner
opulenten, altmeisterlichen Malerei ein Fest für
die Augen, das die Aktualität des Pittoresken
offenbart, das sich auch heute noch in Städten
wie Venedig finden lässt. In ihren Gemälden
verfremdet Nadine Wölk Fotografien von
Mitgliedern ihrer Familie oder von sich selbst in
farblich übersteigerten, irreal anmutenden
Bildwelten und überführt die trivialen
Momentaufnahmen solcherart in eine emotional
aufgeladene Malerei./
Susanne Buckesfeld M.A.