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„Die Malerei, wie ich sie verstehe, muß Poesie
sein. Sie soll Schwingungen auslösen, die den
Betrachter in einen Zustand heiterer
Gelassenheit versetzen, die ihn mit jenem
Glückgefühl erfüllt, wie es der Gesang der Vögel
oder die Betrachtung einer Blume vermögen.“
Dieses Bekenntnis des Malers und
Holzschneiders Hans Jüchser ist das
Grundanliegen unserer Ausstellung.
Am 14. Juli 1894 wurde Hans Jüchser als Sohn
eines Lehrers in Chemnitz geboren. Nach der
Volksschule besucht er von 1910 bis 1915 das
Lehrerseminar in Stollberg. Danach folgt die
Militärzeit bis 1918, ein Jahr später eine kurze
Tätigkeit als Lehrer. In den Jahren 1919 bis
1922 studiert er an der Kunstgewerbeschule in
Dresden bei Arno Drescher und Georg Erler. Es
ist die Zeit, in der Oskar Kokoschka an der
Akademie lehrt. 1922 folgt schließlich das
Studium an der Akademie der bildenden Künste
Dresden - bis 1925 bei Otto Hettner, danach bei
Ludwig von Hofmann, dessen Meisterschüler er
wird. Im wirtschaftlich schwierigen Jahr 1928
läßt sich Jüchser als freier Künstler in Dresden
nieder. Eine kleine Kriegsversehrten-Rente
erspart ihm in dieser Zeit die größte Not.
Als Gast der Dresdner Kunstgenossenschaft und
späteres Mitglied der Dresdner
Künstlervereinigung stellt er bald regelmäßig
aus. Nach Gründung der „Neuen Dresdner
Sezession“ 1932, die nach dem Grundsatz
„Freiheit – Brüderlichkeit – Kunst“ versuchte, die
bildende Kunst wieder mehr mit dem Leben der
Menschen zu verbinden, gehörte Jüchser zu den
eifrigsten Mitgliedern dieser neuen Vereinigung.
Mit der Machtübernahme der Faschisten
verschwinden seine Bilder aus den öffentlichen
Sammlungen. Bedingt durch sein inneres Exil
entsteht Ende der 1930er Jahre eine
melancholische Bildsprache, die in stiller
Verhaltenheit eine Verinnerlichung erfährt und
schließlich zu einer Festigkeit und Sicherheit in
der Form führt. Neben fi-guralen Kompositionen,
die sich immer mehr nach malerischen
Gesichtspunkten in verhaltenen Farbskalen
entwickeln, entstehen Landschaften in
leuchtenden und kontrastreichen Tönen.
Gleichzeitig gestaltet er in dieser Zeit eine
Vielzahl von Aquarellen, die in ihrer Frische und
warmherzigen Sprache von dem Erlebnis mit der
Natur geprägt sind.
Die Druckgraphik, mit der sich Jüchser immer
wieder beschäftigt, führt ihn zu seinen
großartigen farbigen Monotypien. Beim Druck
seiner Holzschnitte experimentiert er mit
verschiedenen Farbvarianten. Auch diese
Arbeiten werden zur Monotypie, da es sich bei
ihnen fast immer um Einmaldrucke handelt -
unwiederholbar in ihrer bestehenden
Farbkomposition.
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt für den
Künstler 1940 mit der Einberufung in die
Wehrmacht des Dritten Reiches. Nach
Kriegsende, amerikanischer und sowjetischer
Kriegsgefangenschaft kehrt er erst 1950 nach
Dresden zurück.
Ein Neubeginn setzt ein.
Diether Schmidt schreibt hierzu: „Da entsteht als
erstes (Bild) 'Der Heimkehrer' in lehmig grauen
Tönen, in die kaltes Grün des Fensterausblicks
und das gebrochene Rosa der Frau ein wenig
Hoffnung tragen. Die wie aus einem inneren
Stau niedergeschriebene Skizze offenbart, wie
stark Jüchser ein Maler des Erlebten ist, wie
stark aber auch sein vorwärtsschauender, nichts
Vergangenes reflektierender Optimismus ihn
beherrscht (...) Der Tod seiner Frau Paula
verstärkt die Überschattung seines Werkes mit
einer in den letzten Dingen nachsinnenden
Melancholie.“
Am Neuanfang von Jüchsers Werk steht das
Bildnis. Immer malt er ihm nahe-stehende
Personen, Menschen mit denen er vertraut ist.
Es entstehen Lesende und Ruhende und oft - mit
einem Glimmen und Glühen in kostbarer
Verschleierung - Porträts seiner jungen Frau
Helga. Parallel dazu und in Verbindung mit dem
stillebenhaften Element in seinen Bildnissen
erfährt das reine Stilleben beim Künstler eine
besondere Pflege. Dabei sind diese Malereien
streng um die Mittelachse komponiert, die neben
dem Goldenen Schnitt als ein wichtiges
Kompositionselement im Jüchserschen Werk
erscheinen.
Seine Landschaften werden freier und oft heiter.
Die Palette ist hell und meist temperamentvoll
aufgelockert. Begleitend dazu entstehen
Landschaften in den erdigen melancholischen
Tönen der Dresdner Malschule. Gleichberechtigt
neben diesen Sujets stehen die anektodischen
biblischen Malereien aus dem Alten Testament.
In verfeinerter Malkultur beschäftigt sich Jüchser
mit den Grundverhaltensweisen der Menschen,
zum Beispiel mit der Gier bei dem Bild „Adam
und Eva“ oder mit dem Besiegen der Gewalt bei
dem Gemälde „David spielt vor Saul“. „Die drei
Marien am Grabe“ reißen in der weisenden
Gebärde des Engels, zur Hoffnung auf die
Auferstehung empor. Diether Schmidt schreibt
hierzu: „Schlicht und eindringlich sind diese
Kompositionen, inbrünstig leuch-ten die Farben
oder umschwelen das Abgründige“.
Seit den Mittfünfzigern entstehen seine vom
Leben durchpulsten vitalen Malereien, die er
wohl auch seinem neuen Lebensgefühl mit
seiner jungen Frau Helga zu verdanken hat. Aus
frischer Anschauung schafft er kostbare pastose
Strukturen in dichten Geweben und leuchtenden
Farben und wälzt sich so oft Leid und
Widerspruch von seiner junggebliebenen Seele.
Inspiriert von den Stilmitteln des
Impressionismus und Expressionsismus,
entwickelte Hans Jüchser seine individuelle
Bildsprache weiter, was ihm auch unter seinen
Künstlerkollegen unangefochtene Anerkennung
einbrachte und ihn zu einem Hauptvertreter der
Dresdner Schule werden ließ.