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Briesen ist die alte deutsche Bezeichnung einer Provinz-Stadt im Norden von Polen, ehemals Ost-Preussen. Der polnische Name des Ortes – Wąbrzeźno – ist für Nicht-Polen ein Zungenbrecher, vermutlich gibt es aber ohnehin keinen Grund, sich als Fremder mit diesem Zungenbrecher zu quälen, denn in dem kleinen Örtchen gibt es tatsächlich nichts, was bemerkenswert oder von Interesse wäre. Es ist ein grauer und durchschnittlicher Ort. Hier wurde Krzysztof Zieliński geboren und hier wuchs er auch auf.
Zeitgleich ist Briesen der Titel der neuesten Photoserie des Künstlers. Trotz des Namens sind die Arbeiten nicht in Wąbrzeźno entstanden, sondern in Berlin, wo der Künstler seit einigen Jahren lebt. Der Name Berlin ist welt-bekannt, für Zieliński jedoch spielt diese Tatsache keine Rolle. Berlin wurde für ihn ebenso zum Wohnort, wie das heimatliche Briesen (Wąbrzeźno). Auf seinen Fotos kann man die beiden kaum voneinander differenzieren. Beide Städte sind Orte ohne Eigenschaften, sie sind Orte, die man einfacher benennen als beschreiben kann – beide mit ungepflegten Höfen, Parkplätzen und verlassenen, ungenutzten Ladenlokalen. Ähnliche Plätze, die ebenso transparent in ihrer Charakterlosigkeit und Unaufgeregtheit sind, findet man auf der ganzen Welt. Eben deshalb könnten diese Fotos überall und nirgendwo entstanden sein, in Berlin oder in Briesen. Zielińskis Berlin ist eine eigenartige Mischung aus Ost und West, wo der Künstler seine Einwanderer-Identität sucht, die er irgendwo zwischen den beiden Städten verloren hat.
Alle Serien Zielińskis haben eine Beziehung zu einem konkreten Ort. Die erste bedeutende Serie trug den Titel Hometown (ausgestellt unter anderem auf der 26. Biennale in São Paulo, 2004) und ist vor zehn Jahren in Wąbrzeźno entstanden. Damals wohnte der Künstler bereits nicht mehr in Polen, ist jedoch mit der Regelmäßigkeit und Gewissenhaftigkeit eines Zugvogels in seine Hometown zurückgekehrt. So ist er auch für die Serie Millennium School (ausgestellt in der ŻAK | BRANICKA Galerie, 2007) in seine alte Heimat gereist und fotografierte seine Grundschule. In Zielińskis neuester Serie wandert er in seiner Erinnerung in die Vergangenheit und sucht sein heimatliches Briesen in Berlin.
Adam Mazur schreibt im Katalog der Ausstellung: ”… Der Künstler macht eine symbolische Übertragung indem er einen heimischen, kleinstädtischen Filter über das Bild von Berlin legt. Mit Hilfe der Fotografie wird die Millionen-Metropole vetrautes Territorium, sie wird zur Neuen Heimat oder Hometown Zielińskis. Sein Umgang mit der Ikonographie Berlins ist ein Novum. Der Künstler stellt diese äußerst angesagte Stadt als paradoxe, provinzielle und unterentwickelte Metropole dar, eine veraltete Stadt, die alles andere als atemberaubend ist. Seine Fotografien gehen einen Dialog ein, nicht nur mit der polnischen, sondern auch mit der deutschen Heimatfotografie, sowie der deutschen traditionellen Stadt-Landschaftsfotografie (faszinierend sind hier besonders die Spuren, die zur Düsseldorfer Schule zurück geführt werden können). …”
Die Geschichte der Serie Briesen ist darüber hinaus aus chronologischer Sicht interessant, da sie zugleich die neueste, wie auch die älteste Serie Zielińskis ist. Die ersten Aufnahmen entstanden 1995, als der Künstler nur für kurze Zeit in Berlin wohnte. Die Idee, das gesamte verstreute Material zusammenzubringen, kam erst zwölf Jahre später, 2007. Die Serie besteht aus neun separaten Teilen – jeder entstand zu einer anderen Zeit, wurde in einer anderen Technik sowie einem anderen Format gefertigt und beschäftigt sich mit verschiedenartigen Aspekten der Beziehung des Künstlers zum Ort. Der wichtigste und größte Teil der Serie Briesen besteht aus Farb-Fotografien und entstand in der Zeit von 2006 bis 2009. Ausgewählte Teile der Serie wurden bereits in der Galerie Starmach in Krakau, im Centre of Contemporary Art in Thorn, in der Galerie PF sowie in der Galerie Zachęta National Gallery of Art in Warschau gezeigt. ŻAK | BRANICKA zeigt eine Auswahl der zuletzt enstandenen Arbeiten.