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Ausstellung

Selket Chlupka - The Marble Trail – Ausstellung in Berlin

Selket Chlupka - The Marble Trail
SELKET CHLUPKA: THE MARBLE TRAIL

Wer rechten Sinn für den Zufall hat, der kann alles
Zufällige zur Bestimmung eines unbekannten
Zufalls benutzen – er kann das Schicksal mit
gleichem Glück in den Stellungen der Gestirne als in
Sandkörnern, Vogelflug und Figuren suchen.

Novalis: Neue Fragmente. Noten an den Rand des
Lebens

Zufall ist selber nur das Aufeinanderstoßen der
schaffenden Impulse. ?
Friedrich Nietzsche:
Nachlass

Verästelte Landschaft in dunkle Nacht gefasst: dort
krustierend wachsende Rotalgen, hier zähflüssige
oder bereits erstarrte Lavaströme, dort
unterirdische Wasserläufe in dolenartigen Senken –
schlot- oder trichterförmig – mündend, dort
Mangrovenbäume, deren Stelzwurzeln in
schimmernden Schlamm greifen, von Nebel
umgeben. Oder ein Antlitz, das grell aufblitzt, von
zartwandigem Geäst verdeckt, vielleicht ein
Märchenwald, vielleicht ein dunkler Abdruck –
darunter sicher auch The Marble Trail, der in die
Tiefe führt, einmal als gangbarer Weg, hier als
moorastiger Pfad, dort nur als vage Spur in den
Hintergrund – ein tausendfacher. Denn Selket
Chlupka nimmt uns nicht an der Hand und zeigt uns
den einen Weg, die eine Lesart, vielleicht das
Schimmern des Mondes auf der Wasseroberfläche,
wabernde Nebelschichten von der untergehenden
Sonne schwach erleuchtet.

Nein, Selket Chlupka zielt nicht auf archetypische
Urbilder, die sich über Mythen/Märchen/Bilder in
uns eingravierten und nach Entsprechung auf
Leinwand suchen. Es ist diese ihr eigentümliche
Arbeitsweise, aus der alles, gewollt oder nicht, als
Möglichkeit entwächst und zum wilden Assoziieren
und Sich-Verlieren einlädt.
Nur wie? Um den Zauber zu nehmen, der sich dort
ausbreitet, um die Arbeiten eben nicht als
märchenhafte Nebel- oder Zauberwaldlandschaften
gänzlich festzuschreiben, hilft ein Blick ins Atelier,
den Selket Chlupka quasi in der Ausstellungsfläche
leise mitverhandelt. Dort sehen wir dunkel
grundierte Bilder, denen erst Cut-Outs aufgelegt
und die dann mit Lack übermalt werden. Was unter
der Cut-Out-Schablone geschieht, bleibt ungewiss.

Lackschichten lässt die Künstlerin ineinander
verlaufen, ornamentale Schlierenmuster, an Marmor
erinnernd, entstehen, deren letztendliches
Erscheinungsbild nur bedingt kontrollierbar ist. Das
Cut-Out zeichnet sich förmlich selber auf die
Leinwand, trifft auf diese, wohingegen die
Bildspuren sich auf dem Cut-Out wiederfinden.
Cut-Out und Leinwand: beide sind Kunstwerk und
Werkzeug zugleich, sie sind jeweils Mittel zum
Zweck und Sinn und Zweck, als wäre eben der
Prozess der Entstehung gleichwertig zum finalen
Bildprodukt und vom Betrachter kaum zu
unterscheiden. Doch nicht nur das: beide sind
schaffender Impuls – ganz im Sinne Nietzsches –,
die im Aufeinanderstoßen nichts mehr
Berechenbares, sondern eben Zufälliges
hervorrufen. Ein Zufall, der gewollt, der inszeniert
ist. So sehen wir Lacklinien über das Bild geträufelt,
beinahe symmetrisch dieses überziehend. Doch
auch hier vermuten wir die geführte Hand dahinter,
eben jene von Novalis ersehnte Person, die rechten
Sinn für den Zufall hat, die Lack aufträgt, bis er zum
Stillstand kommt: ein Hin und Her zwischen Zufall
und Kontrolle. Also ist The Marble Trail auch der
Weg seiner Entstehung, auf dessen Spuren man sich
begeben kann. Doch wie gesagt: er ist ein
individueller, er ist auf den Betrachter angewiesen,
der ihn begeht, als ob er alle Wege in sich trüge.
Kevin Kuhn

www.berlin-contemporary-art.com

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