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Wiederkehrende Thematiken in Joanna Rajkowskas Arbeiten sind einerseits das kollektive Gedächtnis – wie beispielsweise in den beiden öffentlichen Projekten Grüße von der Jerusalemer Allee (2002, Warschau) und Benjamin in Konya (2010, Türkei) – und andererseits private Mythen, die durch ihre Interpretation zu universellen Erzählungen werden.
In der Ausstellung Gold, Silber, Messing werden Werke aus den letzten sechs Schaffensjahren von Joanna Rajkowska gezeigt, deren Ausgangspunkt die Geschichte ihrer eigenen Familie ist, einer typischen bürgerlichen Warschauer Familie, die der tausender anderer Familien gleicht. Zusammen formen die Geschichten all dieser Familien die Identität Osteuropas und dessen kollektives Gedächtnis im 20. Jahrhundert.
Im Zentrum der Präsentation steht das wiederkehrende Motiv von Abwesenheit und Verlust. Jede der gezeigten Arbeiten stellt eine eigenständige Narration dar, die sich auf einen konkreten Teil der Familiengeschichte bezieht. Spuckbecken ist beispielsweise eine Nachbildung des Beckens, das in der zahnärztlichen Praxis von Rajkowskas Urgroßvater eingebaut war. Das Spuckbecken war das einzige Andenken der Familie, bis der Vater der Künstlerin, Andrzej Rajkowski, es in einem Kartenspiel verlor. Die Skulptur wurde im Jahr 2008 auf dem Platz der Verfassung in Warschau an der Stelle aufgestellt an der früher das im Weltkrieg zerstörte Haus des Urgroßvaters der Künstlerin stand. Rajkowska baut um diese Skulptur eine drei Generationen der Familie umfassende Erzählung auf.
Ein weiteres in der Ausstellung gezeigtes Objekt ist Klinkgebiss, ein Echo der Rache des Großvaters an den Russen im Jahr 1945. Nachdem die Rote Armee sich von der Front zurückgezogen hatte, wurde er von Soldaten beauftragt, in Gebieten des Dritten Reichs geraubten Schmuck in Goldzähne umzuschmelzen. Rajkowski jedoch setzte ihnen Zähne aus Messing ein, welche er aus eingeschmolzenen Türklinken statt aus Gold gewann. Beim Abschied gab er seinen Patienten eine Messingpolitur zur Reinigung des grünen, giftigen Belags mit.
In dem Film Gold und Silber sucht der Vater der Künstlerin den Familienschatz, der irgendwo in der Gegend von Żyrardów bei Warschau vergraben wurde. Diese Suche nach den verlorenen Andenken stellt möglicherweise gleichzeitig seine Suche nach der verlorenen Bindung zu seiner Familie und dem Verstehen der eigenen Geschichte dar. Sein Leben war eine ständige Flucht: vom Entkommen aus Auschwitz bis zum Verlassen seiner Frau und Tochter. „Mein Vater hat mir weder die Windeln gewechselt noch begleitete er mich am Tag meiner Einschulung. [...] Er war nicht da, als ich mit Blutvergiftung im Krankenhaus lag. Er floh vor meiner Mutter.“ Eben diese zerrissene Beziehung zwischen Vater und Tochter ist das zentrale Thema des Films Mein Vater hat mich so nie berührt, für welchen die Künstlerin ihren Vater bat, ihr Gesicht zu berühren; vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben.
Joanna Rajkowska beschwört in ihren Arbeiten die Vergangenheit. Unter der Oberflächlichkeit des Alltags legt die Künstlerin tiefliegende Schichten des Gedächtnisses frei und berührt Wunden der Vergangenheit, deren Narben wir alle bis heute tragen.
Joanna Rajkowska wurde 1968 in Bydgoszcz (Polen) geboren. Rajkowska hat zahlreiche Projekte im öffentlichen Raum, Objekte, Filme, Installationen und vergängliche Situationen umgesetzt. Die Künstlerin hat 2012 an der 7. Berlin Biennale teilgenommen. Im Dezember 2013 wurde das erste englischsprachige Buch über Rajkowska bei Zero Books veröffentlicht. Sie lebt und arbeitet in London.