artinfo24
Diese Veranstaltung ist bereits beendet.
Ausstellung

FUTEBOL /Das Spiel hört erst auf, wenn es zu Ende ist – Ausstellung in Wiesbaden

FUTEBOL /Das Spiel hört erst auf, wenn es zu Ende ist
Am 12. Juni beginnt in Brasilien die
Fußball-WM 2014. Für einen guten Monat
wird der Fußball Raum und Zeit zumindest
zeitweise außer Kraft setzen. Millionen
Menschen weltweit werden ihren gewohnten
Tagesablauf aussetzen und sich dem 90-
Minuten-Rhythmus der Spiele hingeben.
Die tatsächliche Uhrzeit spielt keine
Rolle mehr, wenn Menschen aller
Zeitzonen gleichzeitig eine Partie
verfolgen, ob nun vor dem Morgengrauen,
mittags oder spät am Abend. Das
Wochenende ist vorübergehend nicht mehr
frei, Nationalfeiertage können
urplötzlich zu Trauertagen werden, je
nachdem ob das eigene Land soeben
ausgeschieden ist.

Dem Fußball, der das Leben spiegelt, ist
nichts Menschliches fremd. Ihm wird die
Fähigkeit zur Völkerverbindung
zugeschrieben, er gilt als Topos des
Fair Play, des Sportsgeistes, sogar
religiöse Anklänge lassen sich
ausmachen. Wie bei allem im Leben ist
auch der Fußball von Schattenseiten
nicht frei. So finden sich neben
Spielfreude und Ausgelassenheit im
Umfeld des Sports auch Gewalt,
Unterdrückung und Ausbeutung. Und obwohl
von den Austragungsorten der
Weltmeisterschaft die Bilder des
„offiziellen“ Fußballs ihren Weg in
jeden noch so entfernten Winkel des
Planeten finden, bleibt dies doch für
gewöhnlich eine einseitige
Kommunikation. Was wissen wir von den
Menschen an all diesen Orten, mit denen
wir für die Zeit einer Spielübertragung
eine Zeit, einen Rhythmus teilen?

Die dreizehn für die Ausstellung
eingeladenen künstlerischen Positionen
richten den Blick genau in diese
vernachlässigten Orte, auf die
Geschichten an der Peripherie. Der
Nassauische Kunstverein Wiesbaden
richtet die Ausstellung in Kooperation
mit dem Goethe-Institut Rio de Janeiro
aus. Künstler und Filmemacher aus
Lateinamerika, Deutschland, Österreich
und China haben sich zusammengefunden
und präsentieren ihren ganz persönlichen
Blick auf die Welt. Dabei bleibt der
Fußball als Folie und verbindendes
Element der Arbeiten stets präsent.

Das Duo DIAS & RIEDWEG haben den
ursprünglichen Fußball auf einem
nächtlichen Bolzplatz einer Favela von
Rio de Janeiro gefunden. Ihre „peladas
noturnas“ bekommen in ihrer extremen
Verlangsamung und durch die begleitende
Musik eine Grazie und Anmut, die
Assoziationen an das klassische Ballett
hervorrufen. Dem echten Fußball spürt
auch SEBASTIÁN GORDIN nach, wenn er sich
auf einem Provinzbolzplatz als Torhüter
versucht. MUU BLANCO aus Venezuela sucht
die Gewalt, sowohl auf dem Feld als auch
auf der Tribüne, und verwandelt brutale
Szenen, die er im Internet gefunden hat,
in abstrakte Bilder voller Schönheit, in
denen der Sport nur noch bruchstückhaft
erkennbar ist. In „603 football field“
bezieht ZHANG QING mit einem
Augenzwinkern Stellung zum herrschenden
Platzmangel in den rapide wachsenden
chinesischen Großstädten. Sechs
Deckenkameras filmen eine komplette
Wohnung, in der zwei Mannschaften zu
drei Spielern und ein Schiedsrichter ein
Fußballmatch austragen. Dass der Fußball
auch unter widrigsten Umständen und an
den unwahrscheinlichsten Orten gedeiht,
zeigt SIMON GUSH. Auf Gleisen eines
Rangierbahnhofes nahe Gent tragen
Immigranten ein Match aus. Die religiöse
Überhöhung, die dem Spiel und mitunter
auch einzelnen Spielern entgegengebracht
wird, bestimmt die Fotografie von PAULA
DELGADO. Einen ganz eigenen Weg zwischen
konkreter Geschichte und Abstraktion
beschreitet SANTIAGO TAVELLA in seinen
Videoanimationen. Der Grundriss des
ersten Weltmeisterschaftsstadions von
1930 in Montevideo dient als Folie für
seine spielerische Verfremdung der
Spielfeldlinien. Im Video „Centrojá“ der
Band BAJOFONDO vermischen sich zeitliche
und örtliche Ebenen: Der ursprüngliche
Track mixt den traditionellen Tango der
Vororte von Buenos Aires mit modernen
Elektrosounds. MARINA CAMARGO verlässt
das Feld der typischen
Fußballkonnotationen und schafft in
„Together“ mit zwei Jugendlichen, die
sich an einem nebligen New Yorker Strand
gegenseitig einen American Football
zuwerfen, eine ruhige, gelassene
Stimmung. In den Fotos der gebürtigen
Afghanin LELA AHMADZAI bekommt der
Fußball eine soziale und politische
Bedeutung. Die Frauen der afghanischen
Fußballnationalmannschaft trainieren
unter militärischem Schutz, ihre
Betätigung ist ein Akt der weiblichen
Selbstbehauptung. Das gleiche Medium,
die Fotografie, benutzt auch MICHAEL
WESELY. In seinen Langzeitbelichtungen
von Fankneipen, Stadien oder Public
Screenings zeigt sich Fußball als
verbindender Freizeitspaß. Bei
GIANFRANCO FOSCHINO verliert der Ball
schließlich vollständig die Rolle des
Protagonisten. Halbnackte Kinder auf
einem Hinterhof zeigen demonstratives
Desinteresse an dem Sportgerät und
zerhacken stattdessen lieber Brennholz
mit einer gewaltigen Axt. Die
vibrierende Geräuschkulisse aus einem
Stadion fängt schließlich LUKAS LIGETI
mit seiner Soundinstallation ein.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein
Katalogeinleger auf Deutsch mit Texten
von Alfons Hug, Thomas Brussig, Marcelo
Backes, Martín Kohan und Julio Srur.
Weitere Stationen sind das Auswärtiges
Amt in Berlin und das Kunsthaus
Nürnberg.

Bild: Violencia abstracta, 2013, Video.
© Muu Blanco

Weitere Ausstellungen 2014

Installationsansicht
19.01.2014–09.03.2014
Installationsansicht
NKVextra  Adrian Paci / The Column
19.01.2014–09.03.2014
NKVextra Adrian Paci / The Column
Ein Stück für die Bibliothek - Follow Fluxus / Annette Krauss & Read-in
19.01.2014–25.05.2014
Ein Stück für die Bibliothek - Follow Fluxus / Annette Krauss & Read-in
Wilhelm Klotzek / Zigaretten und andere nichtalkoholische Getränke
22.03.2014–11.05.2014
Wilhelm Klotzek / Zigaretten und andere nichtalkoholische Getränke