Ausstellung Galerie Persons Projects
Datum: 21.01.2017 - 08.04.2017
Künstler: Jasmina Cibic
Veranstalter & Ort:
Galerie Persons Projects
10969 Berlin
Lindenstraße 35
ŻAK | BRANICKA ist hocherfreut, Firm Foundations von Jasmina Cibic vorzustellen, die erste Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin und der Beginn ihrer Kooperation mit der Galerie.
In Ihren Arbeiten sucht Cibic die Schaffung eines Dialog zwischen verborgenen politischen Objekten diverser historischer, sprachlicher oder medialer Räume. In ihrer Praxis thematisiert sie verschiedene Arten, wie Bildsprache, Kunst, Architektur und Rhetorik von politischen Regimen eingesetzt und instrumentalisiert werden, und untersucht, was mit diesen Fragmenten geschieht, wenn die durch sie gestützten Ideologien zusammenbrechen.
Cibics Projekte, die diese Symbole und Ikonographien zusammenführen, sind eine Synthese von Gestik, Bühnenkunst und Reenactment. Ihre Praxis, in Filmen und Installationen instanziiert, ist auch eine laufend performative, eine ‚aufgeführte’ Übung im Sezieren von Bühnenkunst. Cibic spielt ein doppeltes Spiel, sie deckt Machtmechanismen auf und baut gleichzeitig ihre eigenen exemplarischen, allegorischen Strukturen. Sie spürt der Geschichte nach, indem sie detaillierte Forschung in offiziellen Staatsarchiven und versteckten Autoritätsdepots betreibt. Die Konventionen, Apologe und Erzählungen, auf die sie ihren forensischen Blick richtet, stammen von verschiedenen Figuren, die in die Apparate der Macht verstrickt sind und an einem Strang ziehen, um gemeine Vorstellungen der Nation zu schmieden.
Die performative Installation The Land In Which a Wide Space For National Progress is Ensured (2015) erstreckt sich vom Fenster der Galerie nahezu über die gesamte Wand des Raumes. Die Arbeit spielt auf die ‚soft power’-Strategien in Kunst und Architektur an, die von (trans)nationalen politischen Strukturen verwendet werden. Der aus zahlreichen fotografischen Elementen zusammengesetzte Wanddruck stellt eine von Bannern durchzogene, fiktive, monochrome Landschaft dar. Diese pittoreske Utopie ist eine Komposition von Bildern, die von Josip Broz Titos persönlichen Fotografen in dem Versuch aufgenommen wurden, das entstehende Nachkriegs-Jugoslawien festzuhalten. Die Fotografen waren Künstler im Dienst des Staates und ihre Bilder sind trotz ihrer schlicht umstandsgetreuen Natur notwendigerweise mit einem politischen Ziel verbunden.
Die Banner, die wie zufällig in den Zweigen dieser fantastischen Landschaft hängen, tragen Zitate einer Vielzahl bekräftigender politischer Reden, welche sich auf die Thematik der ‚Nationenbildung’ beziehen. Während der Ausstellungseröffnung werden diese Slogans in einer Performance aktiviert, in der zwei kostümierte Frauen den Text in continuo vergolden, wodurch das Werk in dieser Wiederholung fest an seinem Platz verankert wird. Die Ausstellung desselben Wandbilds in verschiedenen Räumlichkeiten provoziert indirekt auch die Neubewertung der kontextuellen Einzigartigkeit eines bestimmten Raumes und stellt die Frage, ob diese Einzigartigkeit mit jeder Umformung und Neuausstellung verloren geht oder bereichert wird.
Überlagert wird dieses Wandbild von einer Reihe eng assoziierter Werke: Collagen, in denen aus Fotografien von Bergen, Wüsten oder Gewässern abstrakte geometrische Formen ausgeschnitten sind, um dahinterliegende Landschaften zu enthüllen. Die verwendeten Bilder entspringen ebenfalls Titos Archiv, während die ausgeschnittenen Formen von den unverwirklichten Designs für die Dekoration Belgrads zur Eröffnungskonferenz der Blockfreien-Bewegung 1961 abgeleitet sind. Diese ‚neo-readymades’ sind von ihrer ursprünglichen Bedeutung und ihrer Identifizierung bereinigt. Sie sind auf die Rolle von Zeichen reduziert, mit denen die Künstlerin ein neues Vokabular erstellt, das eine Neubewertung von Raum und Zeit provoziert, ein Aufeinanderstoßen von Welten – bekannten und gedachten. Diese sinnhaft geladenen Abstraktionen werden mit Assembly (2015) von der Wand abgeleitet und auf dem Boden konkret manifestiert – zeitgleich an ein minimalistisches Befreien von Inhalt wie auch an eine diagrammatische Andeutung sozialer Organisation erinnernd.
Cibics Video The Pavilion (2015) zeigt eine Gruppe von fünf weiblichen Darstellerinnen, welche auf einer Theaterbühne aus einzelnen Teilen das Modell des modernistischen Jugoslawischen Pavillons für die EXPO 1929 in Barcelona zusammenbauen. Aus verschiedenen Winkeln und Perspektiven gefilmt, wird die Performance zu einer visuell verführenden, choreografischen Arabeske, welche die Darstellerinnen in ihren hellen Kostümen auf dem dunklen Boden der Bühne erschaffen. Die Handlung entfaltet sich auf einer leeren Theaterbühne und wird von einer weiblichen Erzählstimme begleitet, welche als Alter Ego der Künstlerin fungiert und einen dokumentarischen Ton annimmt, um die Methodologie und den Prozess der Rekonstruktion des verschwundenen Pavillons zu beschreiben. Cibic konzentriert sich auf die gestreifte Fassade des Objekts als architektonisches Konzept, das den Betrachter verführen soll, und analysiert die Umsetzung dieser visuellen Sprache außerhalb des Bereichs der Architektur. Sie präsentiert diesen Teil ihrer Untersuchung durch Illustrationen von Objekten, die sie als Grundlage für die Rekonstruktion des Pavillons verwendet hat. In der Nähe lehnen drei schwere skulpturale Eisenringe, die sowohl in ihrer Materialität, als auch in ihrer Form an die architektonischen Eisenarbeiten institutioneller Tore und Zäune erinnern. Jeder Ring trägt einen aphoristischen Spruch von einem anderen Ideologen aus einer jeweiligen Äußerung zur Thematik idealer Architektur (Thatcher, Khrushchev und Truman). Die Worte wiederholen sich in einem unendlichen Kreis, eingespannt in dieser obskuren Produktionsform.
In ihrem Zusammenspiel verweisen die Arbeiten, die sich in Firm Foundations vereinen, auf das latente performative Potential von Requisiten, Hintergründen und szenografischen Elementen, die aus der Geschichte der modernen ‚Nationenbildung’ abgeleitet sind. Indem sie den Ausstellungsraum in ein erweitertes Film- oder Bühnenset verwandelt, zieht Cibic Parallelen zwischen der Konstruktion nationaler Kultur und ihrem Nutzwert für politische Ziele, wobei sie historische Referenzen und ‚ready-mades’ vielfältig in den Kontext national-repräsentativer Ästhetik, Architektur und kultureller Propaganda einbettet.
Jasmina Cibic arbeitet in den Bereichen Performance, Installation und Film und verwendet eine Reihe von Aktivitäten, Medien und Theatertaktiken, um eine bestimmte ideologische Formation und deren Rahmenelemente, wie z.B. Kunst oder Architektur neu zu definieren. Sie vertrat Slowenien an der 55. Biennale in Venedig mit dem Projekt “For Our Economy and Culture”. Ihre jüngsten Einzelausstellungen waren in der Esker Foundation Calgary, im Museum of Contemporary Art Zagreb, im Museum of Contemporary Art Belgrade, im Museum of Contemporary Art Vojvodina, im MGLC Ljubljana und im Ludwig Museum Budapest. Sie nahm Teil an Gruppenausstellungen im Hessel Museum, Pera Museum Istanbul, Museum of Modern Art Ljubljana, La Panacee Montpellier, City Gallery Wellington, MSUM+ Ljubljana und MNHA Luxembourg. Ihre Filme wurden gezeigt an der Biennial of Moving Image Buenos Aires, Pula Film Festival, HKW Berlin, CCA Laznia, Les Rencontres Internationales Paris, Dokfest Kassel und am Copenhagen International Documentary Festival. Cibic wurde nominiert für den Jarman Award (2016), den Golden Cube Award (Dokfest 2016) und gewann den MAC International Ulster Bank Award (2016). Ihre nächsten Einzelausstellungen sind geplant für NN Contemporary, Crawford Art Gallery Cork, Aarhus 2017, BALTIC, Krefeld Museum und DHC Art Montreal.
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