Ausstellung Galerie Philipp von Rosen Galerie
Wir freuen uns sehr, unsere zweite Einzelausstellung mit Cody Choi am 1. September im Rahmen des DC Open-Wochenendes zu eröffnen. In Animal Totem + NFT zeigen wir datenbasierte Arbeiten auf Leinwand, die digitalen Datendruck mit traditionellen Maltechniken kombinieren, sowie NFTs.
Lange bevor sich die Mainstream-Medien so intensiv wie zur Zeit mit dem Thema der Künstlichen Intelligenz beschäftigten und lange bevor damit auch die Kunstwelt geflutet wurde, setzte sich Cody Choi (*1961 in Seoul, wo er lebt und arbeitet), der nicht nur bildender Künstler, sondern auch Theoretiker ist, mit digitalen Daten und algorithmischen Prozessen als Grundlage für Kunst auseinander. Er hatte von 1997 bis 1998 zu Konzepten von Datenerstellung und Digitalisierung von Meisterwerken geforscht und war fest davon überzeugt, dass digitale Daten im 21. Jahrhundert die Vorstellungskraft als Ressource für Kreativität ablösen würden und dass das algorithmisch angestoßene, autonome Wachstum von Daten den kreativen Akt von Künstler/innen ersetzen würde.
Cody Chois Arbeit an seinen sogenannten Database Paintings begann 1998 mit einem digitalen Bild, das sein Sohn Joy im Kindergartenalter mit einem Computerzeichenprogramm namens „Crayola Magic 3D Coloring Book“ zeichnete. Choi beobachtete, wie sein Sohn nicht lernte, mit Stiften auf Papier zu zeichnen, sondern mit einer Computermaus auf einem Computerbildschirm. Vor dem Hintergrund seiner theoretischen Überlegungen zu diesem Thema war die Beobachtung des Einflusses digitaler Technologien auf das Lernverhalten und die Kreativitätsentwicklung von Kindern der Anstoß für seine eigene künstlerische Auseinandersetzung mit digitalen Daten und algorithmischen Prozessen. Die digitalen Zeichnungen seines Sohnes waren jedoch nicht nur im übertragenen Sinne die Grundlage, der geistige Anstoß für Chois „datenbasierte Gemälde“, sondern auch im wörtlichen Sinne.
Mehr als 10 Jahre bevor der Bitcoin eingeführt wurde, entwickelte Choi Algorithmen, die hinsichtlich der Kettenreaktionen der Blockchain-Technik ähneln. Er exportierte die digitalen Zeichnungen seines Sohnes – Bilder von Katzen und Hunden –, vergrößerte und teilte die Daten und ließ die Algorithmen darüber laufen. So wurden die Zeichnungen einer „intelligenten Schichtung“, unterzogen, wobei sie von 400 bis zu tausende Male übereinandergelegt wurden. In diesem Prozess entwickelten sich – basierend auf den Originalzeichnungen – kontinuierlich und automatisch neue, aufeinander basierende Bilder. Choi hat diese Bilder seinerzeit gespeichert. Heute schafft er aus ausgewählten Bildern die Database Paintings (Datenbasierte Gemälde), ein neues, von ihm initiiertes Genre. Dazu werden die digitalen Bilder als UV-Print auf Leinwände gedruckt und dann partiell mit Acryl bemalt – spätestens damit werden sie aus dem Status des mehr oder minder „digitalen“ Seins in die analoge Welt überführt. So entwickelt Choi mit den Database Paintings einen Hybrid; traditionelle Malerei trifft auf digitale Technologien und Drucktechniken.
Chois Beschäftigung mit kulturellen Hybriden hat ihren Ursprung in seiner Biografie und zunächst wenig mit Digitalität zu tun. Er wuchs in Seoul auf, mit Anfang zwanzig musste er mit seiner Familie aus politischen Gründen aus Südkorea in die Vereinigten Staaten fliehen. Während die Familie in Südkorea zunächst ein gutes und materiell gesichertes Leben geführt hatte, lebte sie in den USA, wo sie sich in Los Angeles niedergelassen hatte, ein von Verunsicherung geprägtes Leben – und musste von vorne beginnen. Nachdem er zunächst kurz in Seoul Soziologie studiert hatte, begann er 1985 ein Kunststudium in Los Angeles bei Mike Kelley. Choi erlebte die USA als einen chaotischen und frustrierenden Ort. Die Unterschiede zwischen der amerikanischen und südkoreanischen Kultur machten sich für ihn nicht nur auf zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Ebene bemerkbar, sondern auch hinsichtlich der Kunstpraktiken und des Kunstmarkts. Entsprechend beschäftigte er sich in seiner Arbeit auch mit dem Thema der asiatischen Identitätsfindung in der US-amerikanischen Gesellschaft.
Das Interesse des Künstlers an kulturellen Hybriden und sozialen Phänomenen, die sich ständig selbst (re-)produzieren, dehnte sich seit den 1990er Jahren auf die Auseinandersetzung mit der aufkommenden Digitalkultur aus. Die Database Paintings können – psychologisch – als Symbol für den Tod eines autoritären Vaters (die prädigitale Kunst und das kreative, autonome Wesen der Künstler) gelesen werden. Das Totem, das in der frühzeitlichen Ära für soziale Solidarität stand, wird durch das dem Sohn entliehene und digitalisierte Tierbild ersetzt. Choi, der schon sehr früh voraussah, dass die Welt des Digitalen das 21. Jahrhundert dominieren wird, und der verstand, dass die „Doppelhirn“-Struktur, in der virtuelle und reale Dinge koexistieren, alltäglich werden würde, stellt nun auch die Frage, was NFT-Kunst bedeutet – indem er sich selbst als Autor fast herauszieht und den Computer „arbeiten läßt“. Es ist, so findet er, an der Zeit, das Konzept und die ästhetischen Grundlagen der digitalen Kunst zu bestimmen und ihren kunsthistorischen Wert zu überdenken.
Cody Choi studierte Kunst am Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien. Er lebte Mitte der 1990er Jahre in New York; mit seiner Ausstellung The Thinker 1996 bei Deitch Projects in New York war er einer der ersten koreanischen Künstler, der sich in einer global vernetzten Welt verortete. Von 2015 bis 2017 hatte er eine retrospektive Wanderausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf, im Musée d‘Art Contemporain de Marseille, in den Kunstsammlungen Chemnitz und an der Universität Malaga, die u.a. der britische Kunsthistoriker John C. Welchman kuratiert hatte. Choi war in 2017 einer der beiden Künstler, die Südkorea in Venedig auf der Biennale repräsentierten. Seit 2003 lebt er wieder in Seoul, wo er eine Professur innehat. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Topography of 20th Century Culture (2006) und Topography of Contemporary Culture (2010), die sich kritisch mit der zeitgenössischen Gesellschaft und Kultur auseinandersetzen.
Für weitere Informationen und Bilder wenden Sie sich bitte an die Galerie.
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