
04.09.2026 - 24.10.2026
Eric Keller - Hanglage
12.06.2026 - 01.08.2026
Traum und Albtraum - HELMA und Wolfgang Petrick
24.04.2026 - 06.06.2026
Von Zeit und Fluss. Jan Schüler
06.03.2026 - 18.04.2026
Landschaft in Bewegung. Malerei und Grafik von Heike Negenborn
16.01.2026 - 28.02.2026
SCHNEE. Neue Bilder von Dieter Mammel
Ort: Galerie Poll bis: 2026-01-10
Künstler: G. L. Gabriel, Sarah Haffner, Eric Keller, Jan Schüler, Franziskus Wendels
Thema: Ausstellung vom 31. Oktober 2025 bis 10. Januar 2026 Winterpause: 23.12.2025-1.1.2026 Anders als in der Vedutenmalerei, in der es galt, Stadtansichten möglichst exakt abzubilden, ist die Stadt in der zeitgenössischen Kunst Inspirationsquelle für subjektive Wahrnehmungen. Fünf dieser individuell unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen bringt die Ausstellung „Stadtbilder“ in einen Dialog. Es entfalten sich durch Verdichtung oder Auslassung Stimmungen, die über die bloße Abbildung von Stadt hinausweisen. In Jan Schülers präziser Malerei sind die von ihm fotografierten Stadtmotive auf wesentliche Elemente reduziert. Zwischen glatten Oberflächen und hart voneinander abgegrenzten Formen und Farbflächen bleiben Details ausgespart. Durch die starke Stilisierung von Masten, Absperrgittern, Bäumen oder Wolken wird die jeweilige Charakteristik hervorgehoben. Gerade aufgrund dieser Reduktion bleiben Schülers Stadtlandschaften stets zu verorten: Der Flughafen Tempelhof in Berlin, das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder eine Schleuse in Gießen. Sarah Haffner hat für ihre Bilder mit klaren Formen und einer besonderen Farbigkeit eine Mischtechnik aus Ölfarbe und Eitempera entwickelt. Die Farbe gewinnt bei ihr neben der Komposition eine eigene Aussagekraft. Sie wird nicht naturalistisch eingesetzt, sondern expressionistisch und zugleich räumlich. Farbe ist der Stimmungsträger, Blau oder Blaugrün gilt Sarah Haffner als Spiegel der Seele, als Zeichen der Melancholie. Ihre abstrahierten Stadtlandschaften – fensterlose Mietshäuser und Brandwände zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten – oder ihre S-Bahn-Bilder, sind geprägt von der Großstadt, in der die Künstlerin viele Jahrzehnte lebte: Berlin. Franziskus Wendels sondiert mit seiner Malerei seit über dreißig Jahren die Wirkung künstlicher Beleuchtung in der Dunkelheit. In vielen seiner Motivserien dominiert die Stadt: Ihre Lichter beim nächtlichen Landeanflug eines Flugzeugs, Leuchtreklamen an Kinos oder Tankstellen. Die in der Fläche dunklen monochromen Bilder, auf denen keine Pinselspuren mehr erkennbar sind, werden von Lichtern in immer neuen Farbnuancen illuminiert. Deren Leuchtkraft beruht auf einer speziellen, vom Künstler über die Jahre verfeinerten Technik, in der er Öl- und Lackfarben sowie sich auflösende Pigmente kombiniert. Durch eine abschließende Lasur in leicht variierenden Farbtönen bringt er die Lichter zum Flirren. G. L. Gabriel gelingt es, mit malerisch-stilistischen Mitteln, mit einem schnellen, expressiven Strich, die flüchtige Atmosphäre der Großstadt einzufangen. Diese Herangehensweise beherrscht sie souverän, auf einer großen Leinwandarbeit von rund vier Metern Länge mit einer Ansicht der Glienicker Brücke ebenso wie auf einem kleinen Bild von New York, auf dem mit gusseisernen Feuertreppen an den Hausfassaden und hölzernen Wassertanks auf den Dächern das für diese Metropole typische Lokalkolorit zum Vorschein kommt. Eric Keller komponiert seinen städtischen Kosmos aus beiläufigen Blicken auf Uferwege, Sport- und Parkplätze oder Bahnübergänge. Seine Bildmotive setzen sich aus großangelegten Farbflächen zusammen, Ton in Ton aufgebaut aus dünnen Öllasuren in mannigfachen Grau-, Blau-, Violett- oder Ockertönen. Durch die leichte Unschärfe, die er über sie legt, entstehen stimmungsvolle Erinnerungsräume. Mit der Arbeit am Bild kehrt der Künstler in seiner Phantasie an einst gesehene Schauplätze zurück. Wo genau sie verortet sind, bleibt sein Geheimnis. Die Stadt offenbart sich in der Ausstellung durch den subjektiven Blick der fünf Künstlerinnen und Künstler nicht als architektonische Struktur, sondern als atmosphärischer Raum, als Projektionsfläche von Melancholie, Sehnsucht und Erinnerung. G. L. Gabriel (*1958) studierte Malerei an der Hochschule der Künste Berlin bei K. H. Hödicke, bei dem sie ihr Studium 1981 als Meisterschülerin abschloss. 1979 war sie jüngste Mitbegründerin der Galerie am Moritzplatz, einer Selbsthilfegalerie junger Künstler, die später als „Neue Wilde“ international bekannt wurden. Gabriel erhielt mehrere Stipendien, ihre Werke befinden sich u. a. in der Berlinischen Galerie, der Stiftung Stadtmuseum Berlin und der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland. Sarah Haffner (1940-2018) wuchs in England auf, wohin ihre Eltern 1938 wegen der jüdischen Herkunft der Mutter emigriert waren. 1954 zog sie mit ihrer Familie zurück nach Berlin und studierte dort Malerei an der Hochschule für bildende Künste. Werke der Künstlerin befinden sich u. a. in der Berlinischen Galerie, im Deutschen Historischen Museum Berlin, im Jüdischen Museum Berlin, der Stiftung Stadtmuseum Berlin und der Sammlung des Deutschen Bundestages. Eric Keller (*1985) studierte Malerei in Nürnberg, Dresden und Leipzig, wo er sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2018 als Meisterschüler bei Prof. Annette Schröter abschloss. Werke des Künstlers befinden sich u. a. in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Städtischen Galerie Dresden und in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland. Jan Schüler (*1963) studierte Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rissa und Fritz Schwegler, bei dem er sein Studium 1992 als Meisterschüler abschloss. 1996 erhielt er den Förderpreis für Bildende Kunst der Stadt Düsseldorf. Seine Werke befinden sich in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen. Franziskus Wendels (*1960) studierte nach dem Abitur und einer Bäckerlehre Bildende Kunst und Katholische Theologie in Mainz und Montpellier und im Anschluss Philosophie und Kunstgeschichte an der FU Berlin. Der Künstler wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, seine Werke befinden sich in wichtigen Museums- und Firmensammlungen.
Ort: Galerie Poll bis: 2025-10-25
Künstler: Ralf Kerbach
Thema: Ausstellung vom 12. September - 25. Oktober 2025 Eröffnung: Donnerstag, 11. September 2025, 18-21 Uhr In der Ausstellung „Landschaften. Kindheitswege“ stellt die Galerie Poll neue Bilder von Ralf Kerbach vor, die von 2023 bis 2025 in der sächsischen Landschaft seiner Kindheit entstanden sind. 1982 musste er diese vertraute Umgebung mit seiner erzwungenen Ausreise aus der DDR hinter sich lassen. Erst als Exilant in der Mauerstadt West-Berlin wurde ihm bewusst, wie stark ihn die über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft rund um seine Geburtsstadt Dresden geprägt hat. 2020 ist Ralf Kerbach zurück in diese von Weinbau, Teich- und Landwirtschaft geformte Landschaft gezogen. Seit fünf Jahren lebt er zusammen mit der Künstlerin Heidrun Rueda in der Nähe von Meißen auf den Höhen über der Elbe. Dort ist sein Wunsch entstanden, unter freiem Himmel die ihn umgebende Landschaft und das besondere Licht der Elbumgebung zu malen. Mit diesen Bildern versucht er, das Wesen der sächsischen Landschaft sichtbar zu machen. Baum, Stein, Wolke, Hügel, Fluss, Haus, Straße, Mauer – seine täglich wahrgenommene Lebensumgebung in Malerei umzusetzen, war für den Künstler die Herausforderung. Das unmittelbar Gesehene in die Fläche zu transformieren und dabei – der Eigengesetzlichkeit des Bildes folgend – nicht abzubilden, sondern ein Sinnbild zu schaffen, ist seine Absicht. Die Unmittelbarkeit der Landschaftserfahrung und die Erinnerung an die Landschaft seiner Kindheitstage verschmelzen in der Bildfindung. Die Titel sind kurz und schlicht und meist ohne genaue Ortsangabe: „Die andere Seite“ (2024), „Häuser am Fluss“ (2024), „Landschaft bei Cossebaude“ (2025), „Kleine Elblandschaft“ (2023), „Felder im Frühjahr“ (2024) oder „Weinberg im Winter“ (2024). Wer das Werk von Ralf Kerbach in der Vergangenheit verfolgt hat, wird feststellen, dass die Farbpalette des Malers lichter und heller geworden ist. Für die Umsetzung seiner Motive wählt er einfache Bildzeichen und arbeitet mit hinter- und nebeneinander angelegten Flächen. Die vormals apokalyptischen Landschaftsdarstellungen sind impressionistischen Landschaftsstudien gewichen. Ausgangspunkt aller Bildideen von Ralf Kerbach ist stets die Auseinandersetzung mit seiner Wahrnehmung, und so gehören mit „Selbst mit altem Hut“ (2025) und „Im Perseidenstrom“ (2022) auch zwei Selbstporträts zu den ausgestellten Bildern. Mit „Der Landschaftsmaler“ (2025) tritt ein Maler mit gelbem Hut vor seiner Staffelei unter einem Gewitterhimmel im Freiluftatelier auf. Mit diesem Gemälde kommentiert Ralf Kerbach seine gegenwärtige Schaffensphase schmunzelnd mit einem Blick in die Kunstgeschichte. Ralf Kerbach, geboren 1956 in Dresden, studierte von 1977 bis 1979 in seiner Geburtsstadt an der Hochschule für Bildende Künste bei Prof. Gerhard Kettner, bis die DDR ihn zur Exmatrikulation drängte. Nach eineinhalb Jahren Wartezeit erhielt er 1982 die Genehmigung zur Ausreise und musste die DDR innerhalb von 24 Stunden verlassen. Am 27. September 1982 zog Ralf Kerbach nach West-Berlin. 1986/87 erhielt er ein Stipendium in Olevano und verbrachte ein Jahr später längere Zeit in Paris. Bis 1990 lebte und arbeitete er in Valquières bei Montpellier. 1991 reiste er als Stipendiat der Deutsch-Brasilianischen Sommerakademie nach João Pessoa/Paraíba, Brasilien. Ralf Kerbach lehrte von 1992 bis 2023 als Professor für Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Seine Werke befinden sich in wichtigen privaten und öffentlichen Sammlungen, u. a. in der Berlinischen Galerie, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Museum der bildenden Künste Leipzig und in der Sammlung Hasso Plattner in Potsdam.
Ort: Galerie Poll bis: 2025-08-26
Künstler: Andreas Silbermann
Thema: Ausstellung vom 13. Juni bis 2. August 2025 (anschließend bis 26. August nach Vereinbarung) „unterwegs“, die zweite Einzelausstellung des Malers Andreas Silbermann in der Galerie Poll, vereint Arbeiten aus den Jahren 2023 bis 2025. Andreas Silbermann wählt für seine Ölmalerei unspektakuläre Motive, die nur selten eines Blickes gewürdigt werden: Container, Garagen, Airports, Tankstellen, Imbissbuden oder Toilettenhäuschen. Die Bildtitel sind kurz und sachlich. Lakonisch benennt der Künstler Ort oder dargestellten Gegenstand: „Agip-Tankstelle in Kampanien“, „Schönes gelbes Haus“, „Gelber Sprungturm“, „Leiter im Nassauhafen“, „Rotes Silo“, „Strandbad Wannsee“, „Tel Aviv“ oder „Venedig“. Erst durch Silbermanns Komposition und Malweise entstehen bemerkenswerte Bilder: Sehenswürdigkeiten im eigentlichen Wortsinn. Gerne wählt er für seine meist auf eigenen Fotografien basierenden Motive kleine oder extreme Formate. Alltägliche Gebäude wie Schuppen oder Wartehäuschen markieren weiträumige Flächen, Parkhäuser werden in spektakulären Ausschnitten aus der Nähe dargestellt, manches Detail aus ungewöhnlicher Perspektive. In seinem Gemälde „JFK“ verwandelt Silbermann die Start- und Landebahn des New Yorker John F. Kennedy Airports zu einem geometrischen Schnittmusterbogen. Licht spielt eine zentrale Rolle in Silbermanns Kompositionen. Im raffinierten Wechselspiel von Licht und Schatten und durch eine kühle Farbgebung scheinen in öden Gegenden und verwaisten Landschaften besondere Motive auf. In ihrer Farbigkeit und Einfachheit erinnern sie an Stimmung und Atmosphäre in Bildern des US-amerikanischen Malers Edward Hopper. Andreas Silbermann, geboren 1964 in Wilhelmshaven, Studium der Malerei an der Hochschule der Künste Braunschweig bei Prof. Hermann Albert, lebt und arbeitet in Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2025-06-07
Künstler: Gerhard Taubert
Thema: Eröffnung: Donnerstag, 24. April 2025, 18-21 Uhr Gegen 19 Uhr Gespräch von Jochen L. Stöckmann mit Thomas Taubert Zum Gallery Weekend stellt die Galerie Poll erstmals Bilder des 2012 im Alter von 84 Jahren verstorbenen Düsseldorfer Malers Gerhard Taubert vor. Zu sehen sind Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen von 1960 bis 2000. In seinen Landschaften spannt Taubert den Bogen von detailliert ausgearbeiteten Baumgruppen und Olivenbäumen über Weinberge und Lavendelfelder bis zur maximal möglichen Abstraktion in Form von zwei farbigen Flächen – Erde und Himmel. Gerhard Taubert hat seine Arbeiten aus einem intensiv betriebenen Naturstudium verschiedener Landstriche, deren Farben, rhythmischen Gliederungen, aber auch atmosphärischen Stimmungen entwickelt. Dabei bildeten zuerst Skizzen in freier Natur, später Fotografien die Grundlage für seine Bildkompositionen. Während seine Arbeiten anfangs in Öltechnik ausgeführt sind, wechselt Taubert in den 1960er Jahren zur in den USA entwickelten Acrylfarbe. Die hohe Deckkraft dieser rasch trocknenden Farben kam der schnellen Arbeitsweise Tauberts sehr entgegen. Die Räumlichkeit der Bilder ist Tauberts Wahrnehmung der Welt geschuldet: Bei einem Unfall hatte er in seiner Kindheit die Sehkraft auf einem Auge verloren. Daraus entwickelt sich der charakteristische Bildaufbau streng nebeneinander gesetzter Flächen, in dem Farben die Hauptrolle übernehmen. Der Maler nähert sich seiner Umgebung zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, sein Blick schweift über Felder, durch Täler oder über Berglandschaften. Einen speziellen Effekt erzielt er durch Überspannen der Leinwand mit Mullbinden, die dann pointillistisch mit unzähligen Farbtupfen bemalt werden. Daraus ergibt sich das Zusammenspiel verschiedener Farben durch beide Malgründe hindurch. Die Farbigkeit seiner Bilder wird im Laufe der Jahre einfacher und strenger, durch den Einfluss des südlichen Lichts auch heiterer und leichter. Von 1987 bis 2012 hatte Taubert neben seinem Düsseldorfer Atelier auch ein Atelier in Südfrankreich. Gerhard Taubert (1928-2012) nahm von 1947 bis 1948 in seiner Geburtsstadt Altenburg privaten Malunterricht bei Prof. Burckhardt, nachdem er zuvor eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann absolviert hatte. 1948 gewann er bei einem Malwettbewerb der russischen Kommandantur den Maxim-Gorki-Preis. Dieses Stipendium nutzte Taubert, um im selben Jahr an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar bei Prof. Hoffmann-Lederer und Prof. Herbig ein Studium der Malerei aufzunehmen. Von 1950 bis 1952 setzte er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Goller und Prof. Pankok fort. 1971 wurde Gerhard Taubert zu einer von Karl Ruhrberg kuratierten Einzelausstellung in der Hauptverwaltung der Stadtsparkasse Düsseldorf eingeladen. Diese Ausstellung bedeutete für ihn nach entbehrungsreichen Jahren den Durchbruch. Seine Werke befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter das Stadtmuseum Düsseldorf und die Sammlungen der Deutschen Bank, Frankfurt am Main, und von IBM Deutschland, Stuttgart.
Ort: Galerie Poll bis: 2025-04-19
Künstler: Göran Gnaudschun
Thema: Ausstellung vom 7. März bis 19. April 2025 Eröffnung: Donnerstag, 6. März 2025, 18-21 Uhr im Rahmen des 11. European Month of Photography Berlin 2025 (EMOP) Klimawandel, Migration, Kriege und das Wiedererstarken ideologischen Denkens schaffen in der Gesellschaft eine Atmosphäre der Unsicherheit. Als Fotograf versucht Göran Gnaudschun seit 2024 mit seiner als fortlaufendes Projekt angelegten Serie „Gegenwarten“, das Lebensgefühl und die Verfasstheit der Gesellschaft abzubilden. Die Galerie Poll stellt seine neue Arbeit im Rahmen des 11. European Month of Photography Berlin 2025 erstmals vor. Gnaudschun verknüpft in „Gegenwarten“ Menschen und Sinnbilder gesellschaftspolitischer Themen und Konflikte mit seinem persönlichen Umfeld. Porträts von Menschen verschiedener Generationen und unterschiedlicher Herkunft werden mit Landschaften, situativen Momenten und vorgefundenen Arrangements in Beziehung gesetzt. In den Galerieräumen sind die Farbfotografien zu einem komplexen Geflecht verwoben. Porträts zeigen Zeitzeugen einer Gegenwart, die sich unablässig weiterbewegt und Mögliches in Gewesenes verwandelt. Denn laut der Hirnforschung dauert die Gegenwart nur 3 Sekunden, danach ist sie bereits Vergangenheit. Eine dunkle Wolke zieht als Symbol düsterer Vorahnungen durch die Kronen hoher Eichen, mit einem farbigen Abdruck seiner kleinen Hände trauert ein Kind im Wald der Erinnerung der Bundeswehr in Geltow um seinen bei einem Auslandseinsatz gefallenen Vater, eine israelische Erkennungsmarke mit dem Datum 7.10.2023 erinnert an den brutalen Überfall der Hamas mit über tausend Toten und mehr als einhundert Geiseln. Aber auch kleine Glücksmomente und überraschende Augenblicke im Alltag, die die Leichtigkeit des Lebens ausmachen können, sind Teil der Serie. Der Blick des Fotografen fällt auf den Tanz von Mücken im Sonnenlicht, auf drei weiße Schmetterlinge, die gegen alle Gesetze der Physik vier schwarze Schatten über den Erdboden flattern lassen oder auf die flauschige Feder in einer Kinderhand. Großaufnahmen von Datenkabeln, Plastikfolie, Bartstoppeln oder Gräsern werden Panoramen der Lieberoser Wüste oder des Hochwassers an der Oder gegenübergestellt. Ausgangspunkt der neuen Serie von Göran Gnaudschun ist die Idee, das Hier und Jetzt zu fotografieren. Göran Gnaudschun: „Die Gegenwart wird von jedem unterschiedlich empfunden. Ich habe das Gefühl, dass so viele Themen und so viele Probleme in der Luft liegen, dass sich die Welt gerade rasant verändert, und ich versuche, dafür meine Bilder zu finden.“ Göran Gnaudschun, geboren 1971 in Potsdam, studierte von 1994-2003 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Timm Rautert künstlerische Fotografie (Diplom) und Bildende Kunst (Meisterschüler). Er erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen für seine Arbeiten, darunter 2013 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn und 2018 den Brandenburgischen Kunstpreis. 2016-2017 war er Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Seit 2018 lehrt Gnaudschun an der Ostkreuzschule für Fotografie Berlin, seit 2022 ist er Dozent an der Fachhochschule Potsdam. Seine Fotografien wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Institutionen und Museen in Berlin, Hannover, Frankfurt, München, Paris, Riga, Rom, Salzburg und San Francisco gezeigt und befinden sich in verschiedenen öffentlichen Sammlungen, u.a. in der Art Collection Deutsche Börse, Frankfurt am Main, in der Berlinischen Galerie – Museum für Moderne Kunst, im Folkwang Museum Essen, im Potsdam Museum und der Kunststiftung Poll, Berlin. Göran Gnaudschun lebt und arbeitet in Potsdam.
Ort: Galerie Poll bis: 2025-05-03
Künstler: HELMA
Thema: Ausstellung vom 11. Januar bis 8. Februar 2025, verlängert bis 3. Mai 2025 (im Schaulager der Galerie Poll) Die Galerie Poll begleitet HELMAs künstlerisches Schaffen seit den 1970er Jahren. Aus Anlass ihres 85. Geburtstages zeigt die Berliner Künstlerin in unserem Schaulager unter dem Titel „Traumwelten“ Malerei aus verschiedenen Jahrzehnten. Im Anschluss an diese erste Einzelausstellung stellt die Galerie HELMAs Werk im Rahmen des Förderprogramms re:discover auf der art karlsruhe 2025 (20. bis 23. Februar) vor. HELMAs Gemälde haben deutliche Bezüge zum Surrealismus, zur Art brut und zum Magischen Realismus. Sie erzählen von Träumen, Märchen und Visionen, zeugen vom Bodenlosen und Abgründigen. In ihren Bildern begegnen den Betrachtern Schlangen, sie sich um kahle Äste winden. Kreuze und brennende Kränze tauchen neben Baumwurzeln und Leitern auf, die zum Himmel emporwachsen. Prächtige Blüten, Schlingpflanzen und Dornen sind ebenso wie Herzen wiederkehrende Bildmotive. Die häufig in rote oder blaue Farbtöne getauchten Szenerien sind akribisch fein mit dem Pinsel in Öl gemalt. Innen- und Außenwelt, Traum und Realität vermischen sich in poetisch schönen Gemälden, auf denen gleichzeitig Unheil zu lauern scheint. Einige von HELMAs Werken sind von Gedichten Thomas Bernhards und Erzählungen Franz Kafkas inspiriert, es gibt in ihnen aber auch autobiographische Bezüge. Einer eindeutigen Deutung entziehen sie sich. HELMAs Bilder haben eine große Eindringlichkeit: „Man schaut sie an und wird unwillkürlich in sie hineingesogen – wie Alice in den Bau des sprechenden Kaninchens, der sich schließlich als Eingang zum Wunderland entpuppt. Ein Wunderland eröffnet sich auch auf den Bildern von HELMA, bevölkert von Schlangen, Bäumen, Katzen, Ast- und Wurzelwerk, Pilzen, Flammen, Leitern und Kränzen. Dazu die intensiven Farben und die obsessive Feinheit der Ausführung, all das ergibt eine Sogwirkung und einen Wiedererkennungseffekt, dem man sich nur schwer entziehen kann.“ (Matthias Ehlert im art karlsruhe magazin 2025) HELMA, geboren 1940 als Helma Hartmann in Berlin, absolvierte von 1959 bis 1961 eine Ausbildung an der Berufsfachschule für Technische Zeichnerinnen in Berlin. Seit 1964 ist sie mit dem Künstler Wolfgang Petrick verheiratet, 1965 wurde ihre Tochter Nina geboren. 1974 beginnt HELMA zu malen und nimmt noch im selben Jahr ihren Künstlernamen HELMA an. Ihre Bilder wurden national und international in Galerien, Kunstvereinen und Museen ausgestellt. Werke der Künstlerin befinden sich in namhaften privaten und öffentlichen Sammlungen wie der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin, der Kunstsammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn, und in der Artothek des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK).
Ort: Galerie Poll bis: 2025-03-01
Künstler: Thomas Lange
Thema: Ausstellung vom 10. Januar bis 1. März 2025 Eröffnung: Donnerstag, 9. Januar 2025, 18-21 Uhr Thomas Lange und die Galerie Poll verbindet eine lange gemeinsame Geschichte: 1981 fand die erste Einzelausstellung des Malers in der Galerie statt, weitere Einzel- und Gruppenausstellungen folgten. Mit „Grüße aus Italien“ stellen wir jetzt Bilder aus den vergangenen fünf Jahren sowie eine Auswahl von Zeichnungen vor, die zwischen 2010 und 2019 auf Illustrierten- und Buchseiten entstanden sind. Thomas Lange lebt seit Mitte der 1990er Jahre in Torre Alfina in Mittelitalien. Sein Atelier-Haus in Fornovecchino ist bis heute Ausgangspunkt für seine Entdeckung der Kultur der Etrusker, der Renaissance und des Barocks, die für ihn die Möglichkeit bietet, während des Alltagslebens der Vergangenheit zu begegnen. Von diesem Einfluß sind auch seine neuen, stark farbigen und pastosen Öl-Malereien geprägt. In thematischen Zyklen erforscht er Motive wie die Venus (Venere) oder die Heilige Jungfrau Maria (Vergine) in immer wieder neuen Variationen malerisch. Charakteristisch für seine Malerei ist der Aufbau Schicht um Schicht mit Übermalungen, Streichungen und Überlagerungen. Die Darstellung der menschlichen Figur steht im Zentrum seiner Beschäftigung mit der christlichen Ikonographie und der Inspiration durch berühmte Maler vergangener Jahrhunderte wie dem Florentiner Manieristen Jacopo da Pontormo. Neben kunsthistorischen Vorbildern gehen immer wieder auch Bilder aus Illustrierten und dem Internet, persönliche Fotografien und historisch und gesellschaftlich bedeutsame Geschehnisse sowie Porträts von Freunden und Bekannten in die Bilder von Thomas Lange ein. Von Interesse ist für ihn dabei die Dialektik zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit sowie „eine intensive Reflexion über die Bedeutung der Bilder und den Akt des Malens selbst, der konsequent über das Tun erfolgt, in der unaufhörlichen, fieberhaften Suche nach dem malerischen Bild“. (Davide Sarchioni) Thomas Lange, geboren 1957 in Berlin, studierte ab 1976 Malerei an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin (HdK) bei Prof. Wolfgang Petrick und Prof. Herbert Kaufmann, bei dem er 1982 sein Studium als Meisterschüler abschloß. 1983 war Thomas Lange Stipendiat der Karl-Schmidt-Rottluff-Stiftung. 1986 lehrte er als Dozent an der Universität Marburg und 1988/89 als Gastprofessor an der HdK Berlin. 2001 wurde Thomas Lange mit dem Primo Premio Suzzara, Mantua (Italien) ausgezeichnet. Seit 2004 gibt er Kurse an Sommerakademien, etwa in Bad Reichenhall und an der Akademie der schönen Künste Kolbermoor. Arbeiten des Künstlers befinden sich in bedeutenden privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter die Berlinische Galerie, die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, der Kunstpalast Düsseldorf, die Deutsche Bank, Frankfurt am Main, die Sammlung Würth, Künzelsau, die Fondazione Mudima, Mailand, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München, das Diözesanmuseum St. Ulrich, Regensburg und das Museum am Dom, Würzburg. Thomas Lange lebt und arbeitet in Torre Alfina (Italien) und Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2025-01-04
Künstler: Martina Altschäfer
Thema: Ausstellung vom 1. November 2024 bis 4. Januar 2025 (Winterpause: 24.12.2024 bis 1.1.2025) In ihrer vierten Einzelausstellung von Martina Altschäfer stellt die Galerie Poll unter dem Titel „Über der Baumgrenze“ neue Zeichnungen der Künstlerin aus der faszinierenden Welt des Hochgebirges vor. Auf der Suche nach unberührter und unbezwungener Natur zieht es Martina Altschäfer immer wieder in die Berge. Dort, über der Baumgrenze, wo aufgrund niedriger Temperaturen nicht einmal mehr Büsche wachsen und es auch sonst kaum noch Vegetation gibt, in einer Welt von Schnee und Eis, entwickelt sie ihre Bildthemen. Sie erzählen davon, wie die Natur den Menschen bezwingt, aber auch vom Leben von Mensch und Tier in und mit der Natur. Auch Mythen und Brauchtümer spielen immer wieder eine Rolle. Grundlage der großformatigen Zeichnungen sind Fotografien, die aber vor allem als Gedächtnisstütze dienen und zur Erinnerung an Eindrücke und Stimmungen, die sich der Künstlerin während ihrer Streifzüge durchs Gebirge eingeprägt haben. Die mit Farbstiften und Pastellkreide komponierten farbintensiven Berglandschaften in gleißendem Sonnenlicht mit teils dramatischen Himmeln oszillieren zwischen Traum und Wirklichkeit. In ihrer Komplexität erschließen sich die aus Imagination und Realität gewonnenen Schnee-, Eis- und Gletscherlandschaften erst in eingehender Betrachtung. Auf der Zeichnung „Transhumanz“ weidet eine Schafherde auf einem Bergrücken, umgeben von hohen schneebedeckten Bergen. Die Szene mit den in Schwindel erregender Höhe grasenden Tieren wirkt surreal, tatsächlich aber ist diese jahrhundertealte Wanderweidewirtschaft im Gebirge noch heute üblich. Die Monumentalität des rund 4.000 Meter hohen Berges Eiger in den Berner Alpen, dessen Nordwand Bergsteiger aus aller Welt anzieht, beschwört Altschäfer in ihrer gleichnamigen Zeichnung durch einen winzig kleinen Menschen. Sie zeigt ihn vor Beginn des mühsamen Aufstiegs zum Berggipfel, versunken in die Betrachtung der sich in Serpentinen in die Höhe schlängelnden Wanderwege. Die unterschiedlichen Beschaffenheiten des Berggesteins sind virtuos und realitätsgetreu wiedergegeben. Ihre Landschaften konstruiert Martina Altschäfer bis ins kleinste Detail. Ausgehend von einem Gerüst aus Linien und Fluchtpunkten erarbeitet sich die Künstlerin über Monate Partie für Partie und Schicht um Schicht ihrer großformatigen Bildkompositionen. Nicht eine einzige Linie ist zufällig gesetzt. Parallel zu den großen Zeichnungen auf Papier entstehen kleine Pastelle und Gouachen auf schwarzem Karton, in denen sich die Künstlerin malerisch mit Passagen ihrer großen Komposition intensiv auseinandersetzt. Hier tritt die zeichnerische Linie durch das Verwischen und Verreiben der Farben mehr und mehr zugunsten einer malerischen Tiefe zurück und zieht den Betrachter magisch ins Bildmotiv hinein. Der mit der Künstlerin befreundete Schriftsteller Christoph Peters hat in seinem Katalogtext auf den Punkt gebracht, was Martina Altschäfer in ihrem künstlerischen Schaffen immer wieder antreibt: „Sobald wir uns ins Gebirge aufmachen“, schreibt er, „werden wir zu Wanderern, zu Suchenden, zu Fragenden, Tastenden. Jeder Schritt gerät zum Schritt ins Unbekannte, schwankt zwischen Mut und Furcht, und spätestens, wenn wir den Weg verloren haben, während die Sonne hinter dem hohen Horizont versinkt, werden wieder die Stimmen der Geister in Gräsern, Zweigen, Felsspalten zu hören sein. Wir werden lauschen und zittern, lauschen und schweigen, schweigen und atmen, bis eine Antwort durch uns hindurch fährt, unhörbar leise oder als Schrei.“ Martina Altschäfer, geboren 1960 in Rüsselsheim, hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz sowie Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. 1991 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin von Prof. Konrad Klapheck ab. Von 1990 bis 1997 unterrichtete sie Zeichnung und Malerei an der Johannes-Gutenberg-Universität und an der Fachhochschule Wiesbaden. Martina Altschäfer hat zahlreiche Stipendien erhalten und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Arbeiten der Künstlerin befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter die Sammlung der Deutschen Bank, des Kunstmuseums Albstadt, des Gutenberg Museums Mainz und des Landesmuseums Mainz. Sie arbeitet und lebt in Rüsselsheim, wo sie in den letzten Jahren auch Kurzgeschichten und einen Roman im Mirabilis Verlag veröffentlicht hat. Im Mittelrhein Museum Koblenz sind noch bis zum 9. März 2025 mehrere Zeichnungen der Künstlerin in der Ausstellung „Traumlandschaft – Alptraum Landschaft“ zu sehen.
Ort: Galerie Poll bis: 2024-10-26
Künstler: Peter Benkert
Thema: Ausstellung vom 6. September bis 26. Oktober 2024 Eröffnung: Donnerstag, 5. September 2024, 18-21 Uhr Für seine Ausstellung „Konstruktive Eskapaden“ in der Galerie Poll hat der Maler Peter Benkert neun großformatige Acrylmalereien aus verschiedenen Jahrzehnten ausgewählt, stellvertretend für einzelne Werkphasen. Die früheste Arbeit stammt aus dem Jahr 1983, die jüngste ist 2023 entstanden. Charakteristisch für alle Kompositionen ist ein strenger Aufbau und das klar strukturierte Ordnungsgefüge. Stark farbige eckige und runde geometrische Körper in Gestalt von Brettern, Gittern oder Sonden unterschiedlicher Größe scheinen sich schwerelos auf der Leinwand zu bewegen, nach einem eigenen Gesetzen verpflichteten Plan. Die in Komplementärfarben gemalten geradlinigen scharfkantigen Formen lassen an Blicke ins Universum denken und stoßen futuristische Fantasien an. Im November 1969 zeigte die Galerie Poll erstmals eine Ausstellung des damals 26-jährigen Peter Benkert. Ausgestellt waren mit Autolack bemalte Novopan-Bretter, vom Künstler „Luschen“ betitelt. Auf der art Karlsruhe im Februar 2024 präsentierte die Galerie im Rahmen des Förderprogramms re:discover einen viel beachteten Querschnitt aus dem Werk des heute 81-jährigen Malers. Die nun gezeigte Einzelausstellung gibt einen tieferen Einblick in das Werk des Künstlers, der seinen künstlerischen Weg als Entwicklung „vom Luschendandy zum Hard-Edge-Virtuosen“ beschreibt. Mit seiner illusionistischen geometrischen Hard-Edge-Malerei möchte Peter Benkert neben einer attraktiven Ästhetik auch eine unterschwellige Bedrohung und Gefährdung erfahrbar machen. Peter Benkert, geboren 1942 in Berlin und 1969 Meisterschüler an der Hochschule für Bildende Künste Berlin bei Prof. Fred Thieler, wurde 1967 Mitglied der heute legendären Künstlerselbsthilfegalerie Großgörschen 35 (1964-1968). Sein Werk wurde in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter Minimalism Germany 1960s in der Daimler Art Collection im Haus Huth Berlin im Jahr 2010. Neben seiner künstlerischen Arbeit war Peter Benkert mehr als 25 Jahre im Archiv der Plansammlung des Architekturmuseums der TU Berlin und fünf Jahre als Kunstpädagoge tätig. Arbeiten befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, u. a. in der Mercedes-Benz Art Collection, Stuttgart. Peter Benkert lebt und arbeitet in Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2024-07-27
Künstler: Sabina Grzimek, Peter Herrmann, Ralf Kerbach, Heidrun Rueda, Hans Scheib
Thema: Ausstellung vom 14. Juni bis 27. Juli 2024 Eröffnung: Donnerstag, 13. Juni 2024, 18-21 Uhr Diesen Sommer verwandelt sich die Galerie Poll in eine „Menagerie“: Heimische und exotische Tiere treten auf, gemalt, geformt oder aquarelliert von Sabina Grzimek, Peter Herrmann, Ralf Kerbach, Heidrun Rueda und Hans Scheib. Eine der ältesten Tierenzyklopädien stammt von Aristoteles: Sein Text „Historia animalium“ klassifiziert im Jahr 335 v. Chr. Tiere nach ihrem Aussehen, ihren Verhaltensweisen und ihrem Lebensraum. Die realistische Darstellung einzelner Tiere mit ihrer Anatomie und individuellen Bewegungen wurde in der Renaissance zum Ideal erhoben. Albrecht Dürer war einer der ersten Künstler, der die Darstellung von Tieren über Skizzen hinaus für bildwürdig hielt. Das Werk der in „Menagerie“ präsentierten Künstlerinnen und Künstler ist von Tierdarstellungen geprägt. Ihre teils für die Ausstellung entstandenen Ölgemälde, Skulpturen und Papierarbeiten treten in einen Dialog miteinander – und lassen im vergleichenden Blick die „animalische“, wilde oder auch gezähmte Seite ihrer jeweiligen Weltsicht zutage treten. Sabina Grzimek findet ihre Themen im persönlichen Umfeld und Erleben. „Che“, ihr Hund, ist immer wieder Modell für ihre Plastiken. In zugleich ausdrucksstarker wie sensibler Formensprache gelingt es der Künstlerin, über äußerliche Details zum Wesen der von ihr gestalteten Tiere vorzudringen, etwa mit der Bronze einer trächtigen Eselin oder einer Kuh, die sich mit prallem Euter abwendet. Heidrun Rueda malt ihre naturalistischen Motive teils nach Fotovorlagen, teils nach eigener Beobachtung in freier Wildbahn. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl kleinformatiger Ölbilder mit Eulen. Zur Familie dieser Vögel gehören rund 200 Arten. Rueda konzentriert sich auf Tiere ihrer unmittelbaren Umgebung, Käuzchen, Schleiereule und Uhu. Mit „Salute Vittore Carpaccio!“ (2003) zitiert Peter Herrmann ein Gemälde des venezianischen Renaissancemalers. Vor blauem Hintergrund sitzt eine Frau, gebeugt über einem Schoßhündchen. Der kleine Vierbeiner steht auf beiden Hinterpfoten und schaut empor zur Herrin, die seine Vorderpfoten liebkost. Neben ihr steht eine große Vase mit einem Strauß Callas, davor eine kleine struppige Katze. Wie für ihn charakteristisch hat Herrmann die tradierte Szenerie in verblüffend einfachen Formen festgehalten und einen komischen Moment eingebaut, der auf der kunsthistorischen Vorlage fehlt. Auch das Genre des naturgetreuen Tierbildes bedenkt der Maler mit einer ironischen Volte: Seine an sich doch furchteinflößende Raubkatze räkelt sich auf dem Rücken unter dem Titel „Wenn Leoparden träumen“. Einen anderen Zugang wählt Ralf Kerbach mit den Ölgemälden „Weißes Pferd“, „Pferdegruppe“ und „Ziegen“. Entstanden nach Studien in der Natur, bleibt der Pinselstrich skizzenhaft, der Farbauftrag durchscheinend. Kerbachs „Mondnacht“ von 2023 ist dagegen „aus dem Kopf“ gemalt. Mit pastos deckenden Farben, in typisierter Darstellung treffen eine weiße Katze und ein schwarzer Hund aufeinander. Die Tiere streiten um einen Ara, an dem sie raffgierig ihre Zähne wetzen. Derweil steht am klaren Himmel der Mond und leuchtet still auf einen kahlen Baum und einige Häuser. Mit Hans Scheibs Skulpturen ziehen auch einige exotische Tiere in Polls Menagerie ein: Der Bildhauer hat eine zu einem hohen Turm sich ringelnde Schlange (2005) aus Holz geschlagen und arttypisch mit roter und grüner Farbe bemalt sowie aus Holz ein Äffchen mit extrem langem Schwanz geschaffen, das seine Zähne drohend fletscht. Scheib gelingt es in seinen ausdrucksstarken Holzplastiken mit deutlichen Bezügen zur Tradition des Expressionismus einen eigenen Stil zu entwickeln.
Ort: Galerie Poll bis: 2024-06-08
Künstler: Volker Stelzmann
Thema: Ausstellung vom 26. April bis 8. Juni 2024 Eröffnung: Donnerstag, 25. April 2024, 18-21 Uhr „Dickicht“ nennt Volker Stelzmann seine zwölfte Einzelausstellung in der Galerie Poll. Sie vertritt den Maler seit über dreißig Jahren. Stelzmanns Werk zeichnet sich durch große Kontinuität aus. Im Lauf der Jahre hat er mit seiner Formensprache einen eigenen Bilderkosmos geschaffen. Für seine Figurengruppen erfindet er immer wieder neue raffinierte Konstellationen und Kompositionen. Gliedmaßen wirbeln durcheinander, Menschen stehen dicht gedrängt neben- oder hintereinander, ohne miteinander in Beziehung zu treten. Sie tragen modische Kleidung wie Hoodies oder neonfarbene Laufschuhe mit dicken Profilsohlen, auffällige Frisuren oder Kopfbedeckungen. Die Gesichter, mit weit aufgerissenen Augen, sind ausdrucksstark und wirken zugleich wie zu Masken erstarrt. „Stelzmann beobachtet die Zeitgenossen auf der Straße genauso intensiv wie die geliebten Renaissancemaler und Manieristen, deren Werke er auf seinen zahlreichen Italienreisen noch im entlegensten Dorf aufgespürt hat. So ist die Geschichte für ihn nichts Fernes, sondern etwas Allgegenwärtiges. Und umgekehrt werden die modernen Menschen, die er zeigt, zum Teil einer epochenübergreifenden Studie der Humanität. Aber auch einer überzeitlichen Reflexion darüber, was die Malerei im Wechselspiel von Tradition und Innovation ausrichten kann.“ (Sebastian Preuss, 2020) Ironisch kommentiert Stelzmann die täglichen Nachrichten mit Bildern wie „Die Schildkröte“, betitelt nach einer Marschformation römischer Legionäre, oder „Barriere“. Die Menschen verschwinden beinahe vollständig hinter Transparenten mit Schlagworten wie LGBTQ, DIVERS, KLIMAFASCH oder WEISSE MÄNNER, die man für sich vervollständigen kann. Zwei „Messermänner“ bedrohen auf dem gleichnamigen Gemälde einen Menschen, während andere hilflos zuschauen oder die Flucht ergreifen. Jedem Bild Stelzmanns liegt eine genaue Beobachtung seiner Umwelt zugrunde, ohne dass er dabei beabsichtigt, mit seinen Bildern zu belehren. Der Künstler malt sich immer wieder selbst als Beobachter („Selbstbildnis mit graugrüner Kappe“) oder mischt sich neben seiner Frau Henriette unter die Menschengruppe („Köpfefries I“). Auch Stilleben gehören zu Stelzmanns wiederkehrenden Bildthemen. Ein Arrangement von „Meerschnecken und Muscheln“ auf einem Pappkarton ist in präziser feiner Öllasurmalerei wiedergegeben, ebenso wie ein „Blauer Kürbis“ und eine Sellerieknolle vor braunem Hintergrund. Volker Stelzmann, geboren 1940 in Dresden, 1948 Übersiedlung nach Leipzig, studierte von 1963 bis 1968 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, wo er von 1975 bis 1986 lehrte, seit 1982 als Professor. 1986 nutzte Volker Stelzmann eine große Ausstellung seiner Arbeiten in der Staatlichen Kunsthalle in West-Berlin, um die DDR zu verlassen. Nach einer Gastprofessur an der Städelschule Frankfurt am Main 1987/1988 berief ihn die West-Berliner Hochschule der Künste (HdK, heute: UdK) 1988. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006. 1988 zeigte die Galerie Poll ihre erste Einzelausstellung von Volker Stelzmann. Werke des Künstlers befinden sich in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen. Volker Stelzmann lebt und arbeitet in Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2024-04-20
Künstler: Peer Boehm
Thema: Ausstellung vom 9. März bis 20. April 2024 Eröffnung: Donnerstag, 7. März 2024, 18-21 Uhr „Kopfkino“ ist der programmatische Titel der zweiten Einzelausstellung des Kölner Künstlers Peer Boehm mit neuen Malereien und Kugelschreiberzeichnungen in der Galerie Poll. Unser Gedächtnis speichert gleichermaßen Erlebnisse der Kindheit, Reiseerfahrungen oder politische Ereignisse als ungeordnete, oft schemenhafte Eindrücke. Dieses kollektive, individuell ganz unterschiedlich verankerte Bilderreservoir ruft der Künstler in seinen Leinwand- und Papierarbeiten auf. Es geht ihm dabei nicht um die eine „richtige“ Sichtweise, denn es gibt viele mögliche Bilder, die im Kopf des Betrachters entstehen können, je nach Alter und Erfahrungshorizont. Auch im Austausch über diese individuellen Eindrücke liegt der Reiz von Boehms Arbeiten. „Kopfkino“ verweist auf das Erinnern als zentrales Thema von Peer Boehms künstlerischem Schaffen, aber auch auf eine Reihe von Kugelschreiberzeichnungen, die er für die Ausstellung auf Briefpapier des k.o. club festhielt, einem 1969 in Hannover gegründeten Verein für Avantgarde-Filme. Peer Boehm hat zehn Motive gefunden, die im inhaltlichen Zusammenhang zu diesem Bildträger seiner Zeichnungen stehen. Mit Bildtiteln wie „Endlich Fenster zur Straße“, „Es ist dann doch noch gut ausgegangen“ oder „Heute Umbau“ führt der Künstler den Betrachter in eine cineastische Assoziationswelt. Boehm findet seine Motive in Fotoalben auf dem Flohmarkt, in Magazinen oder dem Internet. Personen und Orte abstrahiert er durch digitale Bearbeitung und reduziert das Motiv auf Hell-Dunkel-Kontraste bis an den Rand der Unkenntlichkeit, bis er es schließlich auf die Leinwand oder auf das Papier überträgt und dann weiter künstlerisch bearbeitet. Boehms Bildsprache beruht auf dem Prinzip der Aussparung, helle und dunkle Flächen werden nebeneinandergestellt. Dadurch wirken seine Bilder und Zeichnungen wie eine schemenhafte Erinnerung. Ereignisse der Zeitgeschichte werden ebenso zum Bildinhalt wie banale Alltagssituationen oder traditionelles Brauchtum, so „Berlin 1989“ von 2024 mit auf der Mauer tanzenden Menschen, „Fänger sein“ von 2021 oder „Die Maikönigin“ von 2023. Peer Boehm hat eine Lasurtechnik entwickelt, in der er seine Motive mit Aquarell, Acryl und Tusche auf die Leinwand überträgt. Manchmal setzt er Kaffee oder Rost als Malmittel ein, die bräunliche Färbung lässt sein Motiv wie eine verblichene Fotografie erscheinen. Durch Überlagerung verschiedener Lasuren entsteht eine halbtransparente Tiefe. Meist dominiert auf den Bildern ein Farbton, häufig Blau oder Braun. Es gibt auch Arbeiten, auf denen Boehm zwei Motive wie bei einer fotografischen Mehrfachbelichtung ineinander blendet, zum Beispiel das großformatige Gemälde „Antibes“ von 2023. Der blaue Hintergrund zeigt die in die Küstenfelsen eingelassene Terrasse des exklusiven Hotels Eden Roc. Darüber hat Boehm mit roter Farbe einen gestreiften Sonnenschirm gelegt. Entstanden ist ein Bild, das die Erinnerung an einen warmen, flirrenden Sommertag in Frankreich aufruft. Um seine Kugelschreiberzeichnungen zu fixieren, hat Peer Boehm ebenfalls eine spezielle Technik entwickelt. Wenn eine Zeichnung fertig ist, nimmt er ein Bügeleisen zur Hand. Mit der über die Jahre gesammelten Erfahrung gelingt es ihm dabei, in einer Art gesteuertem Zufall in den Zeichnungen Partien zu erzeugen, die wie aquarelliert wirken und ihnen zusätzliche Tiefe geben. Peer Boehm, 1968 geboren in Köln, studierte von 1990 bis 1994 Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik an der Universität zu Köln. 2021 wurde er mit dem Kunstpreis Wesseling ausgezeichnet, der 2023 mit einer Ausstellung im gleichnamigen Kunstverein verbunden war. In Berlin waren seine Arbeiten 2022 im Willy-Brandt-Haus ausgestellt. Noch bis 21. April 2024 ist eine Werkübersicht des Künstlers mit Arbeiten aus 17 Jahren im Museum Modern Art Hünfeld zu sehen. Seine Werke befinden sich in deutschen und internationalen Privatsammlungen. Peer Boehm lebt und arbeitet in Köln.
Ort: Galerie Poll bis: 2024-03-02
Künstler: Bettina von Arnim
Thema: Ausstellung vom 19. Januar bis 2. März 2024 Eröffnung: Donnerstag, 18. Januar 2024, 18-21 Uhr Die Ausstellung „Landschaften und Labyrinthe“ versammelt Ölbilder, Radierungen und einen Spiegelkasten von Bettina von Arnim. Die erste deutsche Einzelausstellung der Künstlerin fand 1970 in der Galerie Poll statt. Den Cyborgs, um 1970 entstandene Porträts androider Maschinenwesen, galt jüngst die Aufmerksamkeit der Kunstwelt. Die Ausstellung richtet den Blick nun auf die seit Mitte der 1970er Jahre entstandenen Landschaften und Labyrinthe, mit denen die Künstlerin schon früh auf die zunehmende Zerstörung von Natur und Umwelt aufmerksam gemacht hat. Ihre Bilder einer technisierten, bürokratischen, schablonisierten, denaturierten, homogenisierten Umwelt hält sie den naiv Fortschrittsgläubigen warnend entgegen, als Menetekel einer Vorherrschaft der manipulativen Intelligenz. (Werner Rhode, 1973) Durch die aus der Vogelperspektive gezeigten Landschaften verlaufen wie mit dem Lineal gezogene Mauern und rechtwinklig verschachtelte Gänge. Einige Landschaften sind menschenleer, in anderen bewegen sich winzige Menschen und Tiere durch labyrinthische Gänge. Die geometrischen Formen verbinden sich zu Netzwerken und später zu perspektivisch angeordneten Buchstabenreihen, zu Stadtlandschaften, die sich aus Schrift und Spiegelschrift zusammensetzen. Beim Blick in den Spiegelkasten vervielfachen sich die stereotypen Landschaften bis ins Unendliche. „Wir erblicken die Utopie einer als Zeichensystem erstarrten Welt“, stellt Rüdiger Safranski 1985 im Katalog zu Arnims Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein fest. Bettina von Arnim versteht es, ihre Botschaft in minutiös gemalten und ästhetisch perfekten Bildern einzuschreiben. Ihre Radiertechnik hat sie derart verfeinert und ausgearbeitet, dass beim Druck mehrerer Platten in verschiedenen Farben übereinander faszinierende Spiegelungen entstehen. Seit der Ausstellung „German Pop“ in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main erfuhren die Arbeiten von Bettina von Arnim eine neue Aufmerksamkeit und waren Teil zahlreicher Gruppenausstellungen in Kunstvereinen und Museen, u. a. „ÜberLeben. Fragen an die Zukunft“ im Haus am Lützowplatz, Berlin (2022-2023), „Les Portes du Possible“ im Centre Pompidou-Metz (2022), „Scratching the Surface“ im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin (2021), „Der montierte Mensch“ im Museum Folkwang Essen (2019) und „Real Pop 1960-1985. Malerei und Grafik zwischen Agit Pop und Kapitalistischem Realismus“ im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, Frankfurt an der Oder (2018). Derzeit sind die Arbeiten „Optiman“ (1969) und „Riß“ (1981) in der Ausstellung „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft. Sammlung der Nationalgalerie 1945-2000“ in der Neuen Nationalgalerie zu sehen (bis 28. September 2025). Bettina von Arnim, geboren 1940 in Zernikow (Mark Brandenburg) und Nachfahrin der gleichnamigen Dichterin der Romantik, verbrachte von 1957 bis 1958 mit einem Stipendium des American Field Service ein Schuljahr in Cambridge/Massachusetts (USA). Von 1960 bis 1965 studierte sie an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Berlin bei Fritz Kuhr. Ein Stipendium des Maison de France führte sie während dieser Zeit von 1962 bis 1963 nach Paris, wo sie in der Werkstatt des Grafikers Johnny Friedlaender verschiedene Radiertechniken wie die Aquatinta erlernte. Bettina von Arnim gehörte zusammen mit Arwed D. Gorella, Maina-Miriam Munsky, Wolfgang Petrick, Peter Sorge, Joachim Schmettau u. a. zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe Aspekt (1972-1977). Seit 1975 lebt und arbeitet sie in Südwest-Frankreich. Werke der Künstlerin befinden sich in bedeutenden privaten und öffentlichen Sammlungen, u. a. der Berlinischen Galerie, der Deutschen Bank, der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, dem Städel Museum Frankfurt am Main und dem Kunstmuseum Bonn.
Ort: Galerie Poll bis: 2024-01-06
Künstler: Danja Akulin
Thema: Ausstellung vom 3. November 2023 bis 6. Januar 2024 Eröffnung: Donnerstag, 2. November 2023, 18-21 Uhr Unter dem Titel „kontrastreich“ zeigt die Galerie Poll ihre zweite Einzelausstellung des Zeichners Danja Akulin. Seine Naturdarstellungen sind kontrastreich zwischen tiefem Schwarz und lichtem Weiß angelegt und setzen sich aus einer Vielfalt von Schwarz- und Grautönen zusammen. Wälder, Felder, Wolken und Wasser, mal aus großer Nähe, mal in weiter Ferne dargestellt, erlangen durch die virtuose Technik des Künstlers, in der er gekonnt scharfe und unscharfe Partien, feine Linien und grobe Striche nebeneinandersetzt, eine große Unmittelbarkeit. Gleichzeitig strahlen sie eine tiefe Ruhe aus. Licht und Schatten, Stillstand und Bewegung sind in den großformatigen Kompositionen stimmungsvoll eingefangen. Immer wieder zeichnet Akulin Seestücke. Einige sind nahe am naturalistischen Abbild, andere haben sich in beinahe monochrome Flächen aufgelöst. Auf seinen Zeichnungen von dichten Wäldern blickt man auf eng aneinander stehende Baumstämme, deren Rinde mit all ihren Unebenheiten und Maserungen detailliert herausgearbeitet ist, so dass sie nahezu fotorealistisch wirken. Akulin komponiert seine meist titellosen Arbeiten aus der Erinnerung, er benutzt keine fotografischen Vorlagen. Der Zeichner arbeitet mit Bleistift und Graphit auf Papier oder mit Kohle direkt auf der Leinwand. Die großformatigen Papierbögen werden auf Leinwand kaschiert und auf Keilrahmen gespannt und erreichen so eine große Präsenz. „Danja Akulins Werke sind Zustandslandschaften, zwischen Stille und Ungewissheit, Ruhe und Unbehagen gefangene Gemütsbilder“, schreibt die Kunsthistorikerin Olena Balun in ihrem Katalogtext der 2022 im J. J. Heckenhauer-Verlag erschienenen Monographie. Danja Akulin, 1977 geboren in St. Petersburg, lebt und arbeitet seit 2000 in Berlin. Von 2000 bis 2005 absolvierte er ein Studium der Freien Kunst bei Prof. Georg Baselitz an der Universität der Künste Berlin, von 2005 bis 2006 machte er seinen Meisterschüler bei Prof. Daniel Richter. 2017 wurde er mit dem kanadischen „Elizabeth Greenshields Foundation Award“ ausgezeichnet. Seine Arbeiten wurden in Deutschland, den USA und Russland ausgestellt, jüngst war der Künstler an der Ausstellung „Das Ende der Malerei. Karl Hagemeister und die Malerei heute“ im Bröhan-Museum in Berlin beteiligt. Akulins Arbeiten befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter auch die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages.
Ort: Galerie Poll bis: 2023-10-28
Künstler: Eric Keller
Thema: Ausstellung vom 8. September bis 28. Oktober 2023 ERöffnung: Donnerstag, 7. September 2023, 18-21 Uhr Eric Kellers Gemälde ziehen magisch an, obwohl – oder weil – ihre Motive eher unspektakulär sind. Aus beiläufigen Blicken auf Uferwege, Sport- und Parkplätze, Bahnübergänge, Schuppen oder Industriegebäude und Interieurs aufgegebener DDR-Kulturhäuser komponiert der Künstler einen ganz eigenen Bildkosmos. Bei diesem konzentrierten Spiel mit der Erinnerung bleiben Landschaften und Architekturen meist menschenleer. Tauchen doch einmal ein oder zwei junge Menschen darin auf, sind sie in sich gekehrt und scheinen auf etwas zu warten. Mit „Ginstergrund“ zeigt die Galerie Poll ihre vierte Einzelausstellung des in Dresden und Berlin lebenden Malers. Der Titel bezeichnet keine konkrete Landschaft, sondern geht zurück auf Straßennamen, die sich aus alter Zeit am Stadtrand erhalten haben. Ein verblasstes Relikt, ähnlich der auf einer Bühne zurückgelassenen Stellwand im gleichnamigen Bild oder dem verblichenen Wandgemälde in „Kulturhaus 7“. Die Bildmotive setzen sich aus großangelegten Farbflächen zusammen, Ton in Ton aufgebaut aus dünnen Öllasurschichten in mannigfachen Grau-, Blau-, Violett- oder Ockertönen. Durch Übermalungen, aber auch mit dem Wiederabtragen von Farbe durchläuft jedes Werk viele Zustände, bis es für den Maler als abgeschlossen gilt. Durch die leichte Unschärfe, die er über seine Motive legt, entstehen stimmungsvolle Erinnerungsräume. Was immer Eric Keller malt, hat er irgendwann einmal vor Augen gehabt – und in seinem Unterbewusstsein abgespeichert. Mit der Arbeit am Bild kehrt er in seiner Fantasie an die einst gesehenen Schauplätze zurück, ruft flüchtig erlebte Situationen auf. Wo genau sie verortet sind, bleibt sein Geheimnis. Selbst geografische Angaben im Bildtitel wie z. B. „Straße bei Gorbitz“ führen nur ins Ungewisse. „Aber genau in dieser merkwürdigen Stimmung, die sich nicht leicht in Worte fassen lässt, in dieser Aura irgendwo zwischen Banalität des Alltags und irrealer Magie liegt der große Reiz von Eric Kellers Gemälden. Viele von ihnen wirken wie eingefrorene Stills aus einem melancholischen Roadmovie“, charakterisiert der Kunsthistoriker und Kunstkritiker Sebastian Preuss diese Arbeiten. Eric Keller, 1985 geboren in Grimma, 2006 bis 2008 Studium der Bildenden Kunst an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Prof. Rolf-Gunter Dienst, 2008 bis 2014 Studium der Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK Dresden) bei Prof. Elke Hopfe und Prof. Ralf Kerbach, 2016 bis 2018 Meisterschüler an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB Leipzig) bei Prof. Annette Schröter. Eric Keller lebt und arbei-tet in Dresden und Berlin. Seine Werke befinden sich in zahlreichen privaten und mehreren institutionellen Sammlungen, darunter die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die Städtische Galerie Dresden und die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, Bonn.
Ort: Galerie Poll bis: 2023-07-29
Künstler: Matthias Beckmann
Thema: Ausstellung vom 16. Juni bis 29. Juli 2023 Eröffnung: Donnerstag, 15. Juni 2023, 18-21 Uhr Mit „Bangalore Street Life“ zeigt die Galerie Poll in ihrer ersten Einzelausstellung von Matthias Beckmann Aquarelle, die im Herbst 2022 in der nach Mumbai und Delhi drittgrößten Stadt Indiens entstanden sind. Eingeladen im Rahmen der bangaloREsidency des Goethe-Instituts sah sich der Künstler für zwei Monate mit dem Alltag einer Elf-Millionen-Metropole konfrontiert: „Mein erstes Aquarell in Bangalore entstand auf einem Friedhof unweit des Botanischen Gartens Lalbagh. Dorthin flüchtete ich vor dem chaotischen Straßenverkehr, vor Autorikschas, Motorrollern und Gehupe. Überall in der Stadt findet man sehr lethargische Hunde. Einer davon lag auf der Friedhofsmauer“, beschreibt Matthias Beckmann seine ersten Eindrücke. Bekannt geworden ist der Künstler mit linearen Bleistiftzeichnungen, wie sie regelmäßig auch in Gruppenausstellungen der Galerie zu sehen waren. Diesmal hatte Beckmann allerdings einen kleinen Reiseaquarellkasten im Gepäck, dazu einen Pinsel mit eingebautem Wassertank, einen Malhocker und Aquarellblöcke. Das erwies sich als ideale Ausrüstung für die Entdeckungsreise in eine für ihn fremde und farbflirrende Welt. Der Künstler als auf-merksamer Beobachter konnte sich unbeschwert auf den Rhythmus des Metropolenlebens einlassen. Für seine Erkundungen ist Beckmann vor allem durch den Stadtteil Shanthinagar gewandert, in dem Arme, Mittelschicht und Reiche, Einheimische und Migranten Seite an Seite leben. Am Ende der zweimonatigen Reise waren es insgesamt 117 Aquarellzeichnungen im Format 30 x 24 cm, einige mit dem Bleistift gezeichnet und dann mit Aquarellfarbe koloriert, einige direkt mit dem Pinsel getuscht und einige in Sepiafarben laviert. Beckmann hat auf Friedhöfen und im Botanischen Garten gezeichnet, das bunte Treiben auf dem Fleisch- und Blumenmarkt festgehalten und das Leben auf der Straße mit Motorrollern, Hühnern, Ziegen und auch Kühen beobachtet. Prunkvolle Grabmäler, Tempel und eine Moschee gehören ebenso zu den Motiven wie Totenplakate, ein am Straßenrand abgestellter Holzkarren oder die „Rangoli“ genannten Muster, die Frauen am frühen Morgen mit weißem Pulver vor den Hauseingängen streuen. Mit seinem unaufgeregten Blick für das Detail bringt Matthias Beckmann mehr als nur einen Hauch der lebendigen Atmosphäre von Bangalore nach Berlin. "In diesem Prozess des dokumentarischen Zeichnens von Gegenständen, Straßenleben und Architektur, das so alt wie neu ist, hat er sich entschieden, über den kolonialen Blick hinaus zu gehen, der Postkartenansichten produziert und auf das Offensichtliche ausgerichtet ist. Seine grafische Fähigkeit zielt nicht auf einen Hyperrealismus wie bei der fotografischen Dokumentation, sondern auf die sorgfältige Erfassung von Details, um die Essenz und die Aura eines Ortes einzufangen, und sein neugieriger Blick weicht dem zufälligen Ausschnitt des Lebens nicht aus, der an uns vorüberzieht, ehe wir ihn bemerkt haben." (Suresh Jayaram, Leiter des Künstlerhauses 1 Shanthiroad in Bangalore) Matthias Beckmann, 1965 geboren in Arnsberg, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Franz Eggenschwiler und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Rudolf Schoofs. Seit 1995 ist er Mitglied der Künstlergruppe „Die Weissenhofer“. Die Zeichnung bildet den Schwerpunkt der Arbeit des in Berlin lebenden Künstlers. Dabei ist die einzelne Zeichnung zumeist Teil einer umfangreichen Serie, die sich mit einem Ort oder Themenkomplex beschäftigt. Mehrfach hat Matthias Beckmann Bücher illustriert. Er arbeitet auch an Animationsfilmen. Der Künstler erhielt zahlreiche Stipendien und Preise. Seine Arbeiten befinden sich in vielen öffentlichen Sammlungen, u. a. in der Berlinischen Galerie, der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages und der Hamburger Kunsthalle. Matthias Beckmann hat an verschiedenen Hochschulen unterrichtet. Im Sommersemester 2023 hat er einen Lehrauftrag an der Weißensee Kunsthochschule Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2023-06-10
Künstler: Markus Draper
Thema: Ausstellung vom 28. Apil bis 10. Juni 2023 Eröffnung: Donnerstag, 27. April 2023, 18-21 Uhr In seiner zweiten Einzelausstellung „WOW!“ in der Galerie Poll stellt Markus Draper erstmals in Deutschland seine Arbeiten zu den Ticker Tape-Paraden vor. Im Konfettiregen für die Heimkehrer des Golfkrieges zeigt das Aufmacherfoto der Daily News vom 11. Juni 1991 General Schwarzkopf, über ihm prangt der Titel der Ausstellung als Schlagzeile. Bei der „Desert Storm Parade“ reißt der Oberkommandierende im Freudentaumel seinen linken Arm in die Höhe, Klopapierrollen und Papierfetzen fliegen durch die Luft. Die Parade, mit der die USA ihren Sieg im ersten Golfkrieg feierten, steht in einer Tradition, die bis ins Jahr 1886 zurückreicht. Als die Freiheitsstatue am 28. Oktober 1886 eingeweiht wurde, führte der Festumzug an der New Yorker Börse in der Wallstreet entlang. Die Börsenhändler warfen bündelweise Papierstreifen der kurz zuvor erfundenen Nachrichtenticker aus dem Fenster, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Seit der globalen Finanzkrise infolge der Pleite der Lehman Brothers 2008 gelten die aus Bürotürmen hinabgeworfenen Papiere aber auch als Indiz bedrohlicher Instabilität. Dieser Spannungsbogen von ekstatischer Freude bis zu abruptem Zusammenbruch ist für Markus Draper Beweggrund, sich mit der oszillierenden Symbolik der Ticker Tape-Paraden zu beschäftigen. Erstmals wählte er 2012 in seinem Gemälde „Milliarden“ aus dem Fenster geworfene Papierstreifen als Bildmotiv. Für das Video „Seconds of Fame“ drehte Draper 2014 Youtube-Ausschnitte von Ticker Tape-Paraden in einem von ihm gebauten Modell nach. Im Unterschied zu den Vorlagen sind die Häuser und Straßen in seinem Film menschenleer. Charakteristisch ist die starke Vergrößerung, ein „blow up“ bis an den Rand der Abstraktion und das Zerlegen der massenmedialen „Bildvorlagen“ in mehrere Farbschichten. In präziser Malerei mit dem Pinsel überträgt der Künstler die verschiedenen Schichten auf die Leinwand oder lässt die durch die Luft wirbelnden Papierschnipsel – in verschiedenen Farben als Siebdruck über die Fotografien gelegt – zu einem bedrohlichen Sturm anschwellen („The Storm“, 2019). Die 2022 entstandenen Fotoarbeiten „Heroes“ spiegeln mit ihrem extremen Hochformat die Straßenschluchten zwischen New Yorks Wolkenkratzern und beziehen sich im Titel auf den Canyon of Heroes. So heißt die durch den Financial District in Lower Manhattan führende Route der Siegesparaden, an deren Rand mehr als 200 in den Gehsteig eingelassene Granitstreifen an die Namen der geehrten Personen der vergangenen Ticker Tape-Paraden erinnern. Bedeutende Ereignisse der jüngeren Geschichte aus bislang vernachlässigten Blickwinkeln zu betrachten, neu zu fokussieren und dadurch Ambivalenzen herauszuarbeiten, kennzeichnet die Arbeit von Markus Draper. Wie Gewissheiten zusammenstürzen, wie diese Verunsicherung durch Bilder in den Medien ausgelöst wird, interessiert ihn dabei ebenso wie die Frage, ob Wahrheit nicht immer ein Konstrukt von Geschichte(n) bleibt. Markus Draper, geboren 1969 und aufgewachsen in Görlitz, studierte 1991 bis 2000 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, am Central Saint Martins College, London und an der Columbia University, New York. 2000 schloss er sein Studium als Meisterschüler bei Professor Ralf Kerbach ab. Draper erhielt den Marion-Ermer-Preis (2001) und den Vattenfall Kunstpreis Energie (2006) sowie zahlreiche Stipendien. Seine Arbeiten wurden in Einzelausstellungen in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (2007), der Berlinischen Galerie (2014) und im Kulturhistorischen Museum Görlitz (2015), im Künstlerhaus Bethanien Berlin (2023) sowie in institutionellen Gruppenausstellungen weltweit gezeigt. Werke des Künstlers befinden sich u. a. in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, im Museum Folkwang in Essen, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und in der Berlinischen Galerie. Markus Draper lebt und arbeitet in Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2023-04-15
Künstler: Frank Schinski
Thema: Frank Schinski reflektiert in seinen Fotoarbeiten Themen, die in der aktuellen Berichterstattung kaum Beachtung finden, keine eingängige „Botschaft“ haben und nicht für Schlagzeilen taugen. Für die Porträtierten dagegen haben die alltäglichen Situationen im Berufsleben ihre eigene Bedeutung, ebenso wie der Auftritt bei „gesellschaftlichen“ Ereignissen wie Jubilarfeiern oder der Verabschiedung am letzten Arbeitstag. Schon lange beschäftigt den Fotografen die Frage, was Arbeit für den Menschen bedeutet. Den Mechanismen und Wechselwirkungen zwischen Arbeitswelt und Individuum kommt Schinski mit der Kamera auf die Spur. Seine Herangehensweise gleicht der eines Soziologen, der sich über die schlichte Beobachtung hinaus selbst in eine Situation hineinbegibt und sie dadurch tiefer zu durchdringen versteht. Der Wissenschaftler präsentiert seine Ergebnisse mit Tabellen und Texten. Der Fotokünstler fasst sie in Bildern – die dem Betrachter eigene Einblicke und Assoziationen gewähren. Für seine Serie „Aiming High“ fotografierte Frank Schinski seit 2017 Menschen auf Jobmessen, bei Bewerbungsgesprä-chen, Castings oder in Assessment-Centern. Die Ausstellung in der Galerie Poll gibt einen Eindruck der Serie, die in ihrem vollen Umfang als Buch erscheinen wird. Charakteristisch für Schinskis Fotografien ist technische Perfektion und vor allem eine raffinierte Farb- und Lichtsetzung, mit der die Menschen wie auf einer Bühne zu Hauptdarstellern ihrer selbst werden. Nichts ist gestellt, nichts inszeniert. Der Fotograf beobachtet und wartet ebenso geduldig wie gespannt auf den „perfekten“ Moment. „Wenn ich durch den Sucher der Kamera schaue, dann bin ich so fokussiert wie selten in meinem Leben“, hat Schinski in einem Gespräch verraten. Für „Aiming High“ hat er Menschengruppen in Schlangen am Fahrstuhl oder für das Casting zurechtgemachte „Konkurrentinnen“ im Wartebereich beobachtet. Die für Assessment-Center und Job-Messen aufgebauten Kabinen und Stellwände werden ebenso zum Teil der Bildkomposition wie die gediegene Architektur eines traditionellen Unternehmens mit respekteinflößenden großen Tischen und holzgetäfelten Wänden. Viele derart sprechende Details gibt es bei genaue-rem Hinsehen zu entdecken. Einige Motive variiert der Fotograf in Sequenzen, die Veränderungen von Körperhaltung, Gestik und Mimik bis in kleinste Nuancen abbilden und Rückschlüsse auf Gefühle und Verhalten der beobachteten Personen zulassen. Frank Schinski hat für seine Serie verschiedene Formate gewählt, die er spielerisch und spannungsreich kombiniert, um ausgewählte Motive untereinander in Beziehung zu setzen. Die C-Prints sind im Diasec-Verfahren hinter Acrylglas montiert und gerahmt. Nach seiner Einzelausstellung „Ist doch so“ in der Kunststiftung Poll im Jahr 2016 hat Frank Schinski sich zunehmend der kulturellen Wahrnehmung von Fotografie gewidmet. Darüber hat er sich mehr und mehr von einem reinen Dokumentar-fotografen und Fotojournalisten zum künstlerisch arbeitenden Fotografen hin entwickelt. Mit seinen Bildern will er den Blick auf eine Realität lenken, die es immer wieder neu zu entdecken und zu verstehen gilt. Ihm selbst „erklärt sich die Welt“ beim Fotografieren. Frank Schinski, 1975 in Prenzlau geboren und in einem kleinen Dorf nahe der polnischen Grenze aufgewachsen, arbeitete nach einer Maurerlehre mehrere Jahre auf dem Bau, bevor er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachholte. Von 1999 bis 2006 studierte er Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der FH Hannover. Seither fotografiert er für internationale Magazine und Wirtschaftsunternehmen. Seit 2009 ist er Mitglied des Fotografen-Kollektivs OSTKREUZ – Agentur der Fotografen und an Gemeinschaftsausstellungen des Kollektivs beteiligt, zuletzt 2020/21 an der Ausstellung „KONTINENT – auf der Suche nach Europa“ in der Akademie der Künste in Berlin. Frank Schinski lebt und arbeitet in Hannover.
Ort: Galerie Poll bis: 2023-02-25
Künstler: Jan Schüler
Thema: Unter dem Titel „Deutsche Landschaft“ zeigen die Berliner Galerie Poll und der Kunstverein Langenfeld Arbeiten des Malers Jan Schüler aus den Jahren 2016 bis 2022. Aus Anlass seines 60. Geburtstages ist eine umfangreiche Publikation mit Beiträgen von Marita Keilson-Lauritz, Magdalena Kröner, Nana Poll, Jan Schüler und Gideon Schüler in Vorbereitung. Sie wird während der Ausstellung im Gespräch des Journalisten Jochen L. Stöckmann mit dem Künstler vorgestellt. Während Schüler früher vor allem Personen aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis, der Familie sowie Pop-Idole porträtiert hat, malt er seit einigen Jahren Motive aus Städten und Landschaften, die mit der deutschen Geschichte assoziiert werden, aber auch mit persönlichen Erinnerungen und seiner Biografie verknüpft sind. Dazu gehören die Landschaften seiner Heimat Hessen und des Rheinlands, Städte wie Dresden und Frankfurt am Main als Zentren der deutschen Romantik, Weimar als Gründungsort der ersten deutschen Republik und Wohnsitz Goethes und Schillers und Düsseldorf mit seiner bekannten Akademie, an der Schüler Kunst studierte. Mit „Berlin“ entsteht seit 2017 eine Reihe, in der historische Ereignisse wie der Zusammenbruch des Dritten Reiches, die Teilung der ehemaligen Hauptstadt durch den Bau der Mauer und Szenen der Wiedervereinigung in ihrer Bildwirkung auf das kollektive Gedächtnis dargestellt werden. Als subjektive Einflüsse kommen für den Künstler persönliche Begegnungen hinzu sowie biografische Bezugspunkte durch seinen Großvater und seine Mutter, die in Berlin Kunst studierten. Seit seinem ersten Besuch 1981 ist Berlin für ihn ein Sehnsuchtsort geblieben. Von den in der Ausstellung gezeigten Arbeiten haben „Blick von der Hohen Leuchte vom Frauenberg (Vater)“ von 2019 und „Vater (Blick vom Schiffenberg)“ von 2017 autobiografische Bezüge. Jan Schüler holte seinen Vater in den Jahren vor seinem Tod regelmäßig zu Tagesausflügen nach Marburg ab, wo er aufgewachsen war. Am Fuße des Gießener Schiffenbergs ist Gideon Schüler in einem Bestattungswald begraben. „Dresden: Die Elbe bei Schloss Pillnitz“ von 2022 oder „Weimar: Blick aus Goethes Wohnhaus in den Garten“ von 2022 werden in der Ausstellung Bildmotiven gegenübergestellt wie „Herbstabend in Birkenau“ von 2017, „Deutsches Stillleben“ von 2016 und „Edek (Treblinka)“ von 2019, die nach Schülers Besuchen von KZ-Gedenkstätten entstanden. Aus der Berlin-Reihe sind „Berlin: Abend am Olympiastadion“ von 2019 und „Berlin: Abend an der Mauer“ von 2021 zu sehen. Charakteristisch für Schülers Bilder ist seine präzise Malerei, die sich durch glatte Oberflächen und hart voneinander abgegrenzte Formen und Farbflächen auszeichnet. In seinen Menschendarstellungen sowie in seinen Stadtansichten und Landschaften verzichtet er auf Details. Weder Personen, noch Häuser, Laternenmasten, Zäune, Bäume und Wolken werden naturalistisch dargestellt, sondern sind durchweg stark stilisiert. Architekturen und Landschaften bleiben menschenleer, kein Vogel fliegt am Himmel und auf den Flüssen verkehrt kein Schiff. Lediglich Plakatanschläge mit Großaufnahmen menschlicher Gesichter – mal lächelnd, mal mit einer Träne im Auge – deuten darauf hin, dass bei aller technischen Perfektion Gefühle und Erinnerungen des Malers mit im Spiel waren. Es bleibt also dem Betrachter überlassen, ob er sich auf Abgründe und Untiefen hinter der perfekten Oberfläche einlässt oder Jan Schülers Malerei in ihrer Schönheit auf sich wirken lässt. In dieser Doppelgesichtigkeit, in der zart angedeuteten Fragilität ihrer scheinbar bruchlosen Ästhetik liegt der Reiz der Bilder. Jan Schüler, geboren 1963 in Gießen, studierte von 1985 bis 1993 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rissa und war Meisterschüler bei Fritz Schwegler. 1996 erhielt er den Förderpreis für Bildende Kunst der Stadt Düsseldorf, wo er bis heute lebt und arbeitet. Seine Werke befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland und Österreich. Jan Schüler hat gemeinsam mit der Kunststiftung Poll, in deren Beirat er seit 2013 Mitglied ist, das erste Bestandsverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen von Maina-Miriam Munsky (1943-1999) herausgegeben. Im Wintersemester 2022/2023 hat er eine Vertretungs-profes¬sur an der Kunstakademie Münster inne (Klasse Cornelius Völker).
Ort: Galerie Poll bis: 2023-01-07
Künstler: Heike Negenborn
Thema: Unter dem Titel „Inszenierung und Wirklichkeit“ zeigt die Galerie Poll erstmals in Berlin in einer Einzelausstellung Arbeiten der zeitgenössischen Landschaftsmalerin Heike Negenborn. Neben Gemälden und Graphiken aus den Werkreihen „Rheinhessisches Tafel- und Hügelland“ und „Netscapes – Landschaft im Wandel“ sind neue Landschaften aus Frankreich und Bolivien zu sehen. Heike Negenborn hat sich ihren künstlerischen Zugang im Spannungsfeld zwischen Natur und Kulturlandschaft erarbeitet und dadurch einen besonderen Blick für die Veränderungen in Gelände, Bewuchs und Himmelsraum entwickelt. Für ihre Gemälde und Graphiken entwirft sie weite, vom Menschen geprägte Panoramen mit meist tiefliegenden Horizonten und aufsehenerregenden Wolkenformationen. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich dem Betrachter, dass es sich bei diesen präzisen, realistisch gemalten Landschaftsbildern nicht um Abbilder, sondern um Konstruktionen von Wirklichkeit handelt. Anders als in den Vorjahren, in denen die Künstlerin in mehrmonatigen Projekten Regionen in Frankreich, Italien oder Spanien als Ausgangspunkt ihrer Landschaftskonstruktionen wählte, ist die Reihe „Rheinhessisches Tafel- und Hügelland“ 2021 und 2022 in Deutschland entstanden. Auch an ihrem Wohnort in Rheinland-Pfalz hat Heike Negenborn ungewöhnliche Perspektiven auf die Täler und Hügel der Weinbergkulturen recherchiert und sie in Skizzen und Kameraaufnahmen festgehalten. Dieses „Naturarchiv“ überarbeitet die Künstlerin anschließend analog und digital und konstruiert nach ästhetischen Gesichtspunkten Gemälde und Graphiken. Ihre mehrfach ausgezeichnete Serie „Netscapes – Landschaft im Wandel“ hat Heike Negenborn 2022 mit einem Stipendium von NEUSTART KULTUR und der Stiftung Kunstfonds fortsetzen können. Mit mehreren Beispielen zeigt die Ausstellung, wie die Künstlerin Wolken- und Erdfragmente mit perspektivisch aufgefächerten Gitternetzen kombiniert, die sich in digitale Pixel auflösen und zu Netzlandschaften, „Netscapes“ mutieren. Die Überformung der Kulturlandschaft wird untermauert durch die Reduktion der sonst stark farbigen Palette auf Schwarzweiß- und Grautöne. Mit ihren Arbeiten lenkt Heike Negenborn den Blick auf die zunehmende Vereinnahmung der analogen Wirklichkeit durch das digitale Bild und den daraus resultierenden Wandel der Landschaft. Die dabei deutlich sichtbare Konstruktion, eine Kombination aus den in der Renaissance erfundenen Methoden der Zentralperspektive und klassischen Vermessungs-techniken, unterstützt nicht nur die Tiefenwirkung im Bild, sondern macht gleichzeitig die Arbeitsweise transparent. Heike Negenborn, geboren 1964 in Bad Neuenahr-Ahrweiler, studierte Malerei am Washington College, Chestertown, Maryland, USA, am Austin College, Sherman, Texas, USA und Malerei und Druckgraphik bei Prof. Peter Lörincz an der Akademie für Bildende Künste Mainz. 2021 erhielt sie ein Jahresarbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn. 2018 wurde sie mit dem renommierten Pfalzpreis für Bildende Kunst ausgezeichnet und 2016 mit dem Wilhelm-Morgner-Preis der Stadt Soest. Sie lebt und arbeitet in Windesheim. Werke der Künstlerin befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland, Japan, Kanada und den USA.
Ort: Galerie Poll bis: 2022-07-30
Künstler: Martina Altschäfer, Matthias Beckmann, Peer Boehm, ORLANDO
Thema: Eröffnung am 16. Juni 2022 18-21 Uhr Bild: Matthias Beckmann, Passagen-Werk, 2019/20, Bleistift auf Papier, 29,7 x 21 cm
Ort: Galerie Poll bis: 2022-06-11
Künstler: Daniel Poller
Thema: Beinahe fünfzig Jahre lang starteten und landeten auf dem 1974 eingeweihten Airport Otto Lilienthal in Berlin-Tegel Propeller- und Düsenmaschinen. Als im November 2020 in TXL das letzte Passagierflugzeug landete und der Flughafen für den Luftverkehr geschlossen wurde, konnte Daniel Poller dort einige Tage zuvor bereits Krähen, Tauben, Stare und Kraniche fotografieren, die wenig später Start- und Landebahnen endgültig übernehmen sollten. Entstanden ist die Serie „Birds of Tegel“ (2022), die die Galerie Poll jetzt in ihrer zweiten Einzelausstellung des Künstlers vorstellt. Zugleich erscheint eine Publikation mit einem Text des Kunsthistorikers und Kurators Andreas Prinzing bei Edizione Multicolore, die Vorzugsausgabe enthält einen nummerierten Abzug. Die Vögel umkreisen den Tower, ruhen sich auf den Tragflächen aus oder überqueren in Schwärmen das Rollfeld. Sie besetzen das Gebäude und die dazugehörige Infrastruktur, zeigen ihre Flugkünste und treten als neue Hausherren in Erscheinung, während der vom Menschen organisierte Flugbetrieb abgewickelt wird. Eine spielerische Hängung in der Galerie kombiniert die verschiedenen Formate der Serie, die sich so während der Ausstellung in einen Flug- und Landeplatz verwandelt. Den unterschiedlichen Motiven ist eines gemeinsam: Die Vögel aus Daniel Pollers Bildfolge „Birds of Tegel“ rufen stets die Anfänge der Fliegerei in Erinnerung – ihre gefiederten Flügel dienten Otto Lilienthal, Pionier der Luftfahrt und Namensgeber des Flughafens, als Vorbild. In seiner voran gegangenen vielteiligen Arbeit „Endgültige Fassung der Beschlussvorlage“ (2020) beobachtete Poller einen durch die Ruine des Instituts für Lehrerbildung in Potsdam flatternden Hausrotschwanz, der durch die Abrissarbeiten obdachlos geworden war. Die Vögel in „Birds of Tegel“ dagegen übernehmen das Flughafen-Gelände. Sie nisten sich ein, nachdem die Architektur durch die Einstellung des Flugverkehrs ihre ursprüngliche Funktion verloren hat. Umdeutung von Architektur im Stadtraum und eine darin erkennbare Über- und Fortschreibung von Geschichte ist ein zentrales Thema in Daniel Pollers Arbeit. Ebenso interessiert ihn das Zusammenleben von Menschen und Tieren in der Großstadt. Diesem Thema der „Cohabitation“ widmet sich auch die Zeitschrift ARCH+ in ihrer April-Ausgabe und veröffentlicht darin eine Bildstrecke von Poller. Daniel Poller, geboren 1984 in Rodewisch, schloss sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2017 als Meisterschüler von Prof. Peggy Buth und Prof. Joachim Brohm ab. Der Künstler erhielt zahlreiche Stipendien, u. a. 2018 und 2020 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn. 2015 wurde er mit dem Aenne-Biermann-Preis für deutsche Gegenwartsfotografie Gera und 2017 mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis Frankfurt am Main ausgezeichnet. Seine Werke befinden sich in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main und im n.b.k. Videoforum. Gerade ist bei Spector Books Leipzig Pollers Publikation „Frankfurter Kopien“ über die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt erschienen, seine Ausstellung „Viertel nach vor“ im Kunstverein Junge Kunst Wolfsburg (noch bis 3. Juni 2022) setzt sich in einer Videoarbeit, Fotografien und einem Objekt mit dem Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche und der damit verbundenen Transformation der Gesellschaft auseinander. Daniel Poller lebt und arbeitet in Berlin. Bild: Daniel Poller, Birds of Tegel, 2022, Archival Pigment Print
Ort: Galerie Poll bis: 2022-04-16
Künstler: Andreas Silbermann
Thema: Bild: Andreas SIlbermann, Halle 4, 2022, Öl auf Leinwand, 55 x 80 cm Mit „Tour imaginaire“ stellt die Galerie Poll erstmals Arbeiten von Andreas Silbermann in einer Einzelausstellung vor. Motive der zwischen 2020 und 2022 entstandenen Ölbilder und Bleistiftzeichnungen sind die Stationen einer Fahrt von Norddeutschland nach Süditalien. Das Ungewöhnliche an dieser Reise: Der Künstler musste seinen Heimatort nicht verlassen. Silbermanns Fortbewegung war einzig und allein angetrieben durch seine Einbildungskraft, die Imagination. Ausgangspunkt der „Tour imaginaire“ war ein Wunsch nach Ortsveränderung während des Lockdowns. Deshalb entstanden die insgesamt 56 kleinformatigen Zeichnungen nicht im Atelier, sondern auf Silbermanns vor Wilhelmshaven ankernden, mit den Wellen sanft schaukelnden Segelboot. Später im Atelier dienten die nur 14,8 x 21 cm großen Zeichnungen teils wieder als Vorlage für Ölgemälde. Die von Andreas Silbermann ins Bild gesetzten Stationen seiner fiktionalen Reise sind unspektakulär, „sehenswürdig“ werden sie allein durch seine Art der Darstellung. Die Motive beruhen größtenteils auf eigenen Fotos, hinzu kommen im Internet recherchierte Abbildungen: „Kiosk in Bremerhaven“, „Eisenbahnbrücke“, „Kleiner Wohnwagen“ oder „Kleines Haus mit Katzenklappe“. Die von ihm gezeichneten oder gemalten Tankstellen („Kleine weiße Tankstelle“), Lagerhallen („Halle 4“), Schuppen („Roter Schuppen“) oder Container („EVERGREEN“) liegen am Wegesrand, ihre genauen Standorte bleiben unerfindlich. Seine genaue Reiseroute gibt der Künstler nicht preis. Deutlich wird aber, dass er sich bei der Ermittlung der exakten „virtuellen“ Strecke im Internet zu Umwegen hat verführen lassen. An „Food’n Stop“ und „24 Hr Service“ führt der Weg von Wilhelmshaven nach Sizilien kaum vorbei, diese Stationen befinden sich offensichtlich in Amerika. Silbermann liebt den heimlichen Perspektivwechsel, seine Kunst des Umwegs macht es möglich: auch „Helgoland“ und „Wangerooge“ liegen, anders als das Val di Chiana oder Apulien, nicht auf der Strecke. Ebenso wenig wie Kohleabbaugebiete in der Lausitz. Silbermann erfindet in seinen von starken Hell-Dunkel-Kontrasten geprägten Zeichnungen und den aus einem reizvollen Spiel mit Farben heraus komponierten Ölgemälden eigenartige Stimmungen und wechselndes Licht. Seine „Ortsveränderung“ verwandelt noch so banale Motive in Schauplätze der Imagination. Andreas Silbermann, geboren 1964 in Wilhelmshaven, Studium der Malerei an der Hochschule der Künste Braunschweig bei Prof. Hermann Albert, lebt und arbeitet in Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2022-02-26
Künstler: Joachim Schmettau
Thema:
Ort: Galerie Poll bis: 2022-01-08
Künstler: Peter Herrmann, Ralf Kerbach, Heidrun Rueda, Volker Stelzmann
Thema: Bild: Volker Stelzmann, Aloe, Schwamm und molto bianco, 2021, Mischtechnik auf MDF, 50cm x 70cm
Ort: Galerie Poll bis: 2021-10-23
Künstler: Markus Draper
Thema: More than a story Markus Draper. Malerei am Donnerstag, den 2. September 2021, 18-21Uhr laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein. Gegen 19Uhr findet im Hof ein Künstlergespräch mit Jochen L. Stöckmann statt. Es erscheint ein Katalog. Im Rahmen der Berlin Art Week ist die Galerie Poll am Freitag, den 17. September 2021, von 12Uhr - 21Uhr geöffnet. Abb.: Markus Draper, "Last Shot", 2020, Öl auf Leinwand, 165 x 215 cm. Foto: Hans-Georg Gaul, Berlin
Ort: Galerie Poll bis: 2021-10-22
Künstler: Göran Gnaudschun
Thema: Abbildung: Göran Gnaudschun, Junge Frau mit Unendlichkeitskette, 2015, Pigmentdruck auf Barytpapier
Ort: Galerie Poll bis: 2021-09-25
Künstler: Eric Keller
Thema: Im Schaulager der Galerie Poll ist im Juli/ August aus Anlass des Erscheinens des ersten Kataloges von Eric Keller ein „Sommerspecial“ mit einer Auswahl seiner Malerei aus den Jahren 2020 und 2021 zu sehen. Es sind eher unspektakuläre Bildthemen, denen das malerische Interesse von Eric Keller gilt. „Schönbach“ (2021) lässt ein hell erleuchtetes Gebäude an einer Schnellstraße erkennen, leicht verwischt, wie im Vorbeifahren wahrgenommen. „Kulturhaus 5“ (2021) zeigt eine leere Bühne mit einem Stuhl und bunten Kulissenelementen, „Bühne nachts“ (2021) ein Bühnenornament in Nahaufnahme. Entstanden sind alle Bilder mit den für den Künstler charakteristischen gedeckten Grau-, Blau-, Violett- und Ockertönen in Öllasurmalerei auf Holz. Ein Parkplatz, ein Bahnübergang und Gebäude am Straßenrand: Momente und Stimmungen, Erlebtes und Erinnertes beim Wahrnehmen solcher Motive ruft Keller mit seinen Bildern auf. Durch Übermalungen, aber auch das wiederholte Abtragen von Farbe durchläuft ein Werk viele Zustände, bis es abgeschlossen ist. Eric Keller, geboren 1985 in Grimma, hat 2018 sein Meisterschüler-Studium bei Prof. Annette Schröter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig abgeschlossen. Zuvor studierte er Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bei Rolf-Gunter Dienst und von 2008 bis 2014 Malerei bei Elke Hopfe und Ralf Kerbach an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Arbeiten von Eric Keller befinden sich u.a. in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und in der Sammlung der Ostsächsischen Sparkasse. Eric Keller lebt und arbeitet in Dresden. Es erscheint ein Katalog. Anlässlich der Präsentation ist ein Künstlergespräch mit Jochen L. Stöckmann geplant. Der genaue Termin wird noch bekanntgegeben.
Ort: Galerie Poll bis: 2021-07-31
Künstler: Maina-Miriam Munsky
Thema: 50 Jahre nach der ersten Einzelausstellung von Maina-Miriam Munsky im Jahr 1971 zeigt die Galerie Poll mit Gravidität erstmals das in den 1960er Jahren entstandene Frühwerk der Künstlerin. Ihre damals noch surreal anmutenden Bilder und Zeichnungen des weiblichen Körpers kreisen bereits um Sujets wie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Geburt. Erst in den 1970er Jahren findet Munsky zu ihrem an der Neuen Sachlichkeit geschulten, hyperrealistischen Stil, mit dem die seither von der Galerie vertretene Künstlerin bekannt wurde. Charakteristisch für die frühen Bilder ist die Zusammenfügung des Motivs aus zwei Leinwänden, die durch horizontale oder vertikale, weiße oder schwarze Holzleisten in Rahmenstärke voneinander getrennt werden. Die meist mit rosafarbenem Kunstharz gemalten Föten wirken wie Ornamente (Tube, Zwei Kästen, Fertilität IV, Gravidität, Embryos, Geburt II + IV, alle 1967). Auch die frühen Bleistift-Zeichnungen (ohne Titel, alle 1968) zeigen Studien von Föten im Mutterleib und sind wie die Gemälde aus mehreren Bildfenstern aufgebaut. „Die Grenzbalken dienten der Abschirmung vor allzu großer Direktheit, die Leiber, teigig fließend und ohne feste Konturen, erinnerten an Pflanzenhaftes, an präexistenzielle Zustände. Es war dies, auf die Gesamtentwicklung Munskys betrachtet, selbst eine keimhafte Phase ihrer Arbeit“, schreibt Lucie Schauer 1976 im Katalog zur Ausstellung der Künstlerin im Märkischen Museum der Stadt Witten. Die Faszination für Embryonen in Spiritusbehältern, denen Munsky 1967 bei einem Besuch der naturwissenschaftlichen Abteilung des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt begegnet war, gab den Anstoß zur künstlerischen Beschäftigung mit dem Thema der Schwangerschaft: Die mit perspektivischen Linien dargestellten Glasgefäße gliedern die Bilder in nahezu konstruktivistischer Manier, während die Föten in eher fließenden, weichen Formen umgesetzt wurden und so einen motivischen Kontrast zu den Behältern bilden. Ab 1968/69 wendet sich die Künstlerin dem Vorgang der Geburt direkt zu. Der Augenblick der Entbindung wird realistisch, aber noch in einem weich und diffus fließenden, malerischen Duktus der Pinselführung geschildert (Kind, Zangen I + II, alle 1968). Ab 1970 entstehen die ersten Bilder der Künstlerin, für die eigenhändig aufgenommene Fotografien aus einem Berliner Krankenhaus als Vorlage dienten. „Maina-Miriam Munsky ging mit weißem Kittel und Kamera in den Kreißsaal, unbeobachtet, doch selbst haarscharf beobachtend. Die Fotos sind der realistische Rohstoff für Ölbilder und Radierungen. Die bildnerische Realisation jedoch überschreitet die Fotos bei weitem. Das liegt nicht allein an der Übersteigerung der Farben, sondern auch am Bildausschnitt, am Blickwinkel“, konstatiert Lucie Schauer 1971 in ihrer Ausstellungsbesprechung in der Welt. Schwangerschaft, Geburt und klinische Eingriffe in den menschlichen Körper bleiben bis zu ihrem Tod zentrale Bildthemen der Künstlerin. Maina-Miriam Munsky, 1943 in Wolfenbüttel geboren und 1999 in Berlin gestorben, studierte an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, an der Accademia di belle Arti in Florenz und an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, wo sie ihr Studium 1970 als Meisterschülerin bei den Professoren Alexander Camaro und Hermann Bachmann abschloss. 1968 fand ihre erste Einzelausstellung in der Künstlergalerie Großgörschen 35 in Berlin statt. Munsky zählt zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe Aspekt (1972-1978). Von 1982 bis 1984 hatte die Malerin eine Gastprofessur an der HBK Braunschweig inne. 1984 erhielt sie den Kunstpreis des Landes Niedersachsen. Ihre Arbeiten befinden sich in wichtigen Sammlungen, darunter das Museum of Modern Art, New York; die Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Berlin; das Museum Kunstpalast, Düsseldorf; das Städel Museum, Frankfurt am Main sowie die Kunstsammlung der Bundesrepublik Deutschland. Munsky war mit dem Zeichner und Grafiker Peter Sorge (1937-2000) verheiratet. 1972 wurde der Sohn Daniel Ben geboren. Anlässlich der Ausstellung führt Jochen L. Stöckmann ein Gespräch mit Daniel Ben Sorge und Lothar C. Poll, nachzuhören auf der Website der Galerie. Beachten Sie bitte die aktuell geltenden Corona-Schutzvorschriften.
Ort: Galerie Poll bis: 2021-05-29
Künstler: Martina Altschäfer
Thema: Ausstellungsdauer: 19. März – 24. April 2021 verlängert bis 29. Mai 2021 Während des Lockdowns ist ein Besuch nur online oder nach vorheriger Terminvereinbarung mit tagesaktuell negativem Testergebnis und FFP2-Maske möglich. Jochen L. Stöckmann hat anlässlich der Ausstellung ein Gespräch mit der Künstlerin geführt, das auf unserer Homepage nachgehört werden kann (Dauer: 56 Min). Zudem ist ein Katalog mit einem Text von Christoph Peters sowie zahlreichen farbigen Abbildungen erschienen. Mit true places II setzt die Galerie Poll die Ausstellungen mit Zeichnungen von Martina Altschäfer aus dem Hochgebirge fort. Waren die 2016 gezeigten Gebirgslandschaften meist menschenleer, stellt die Künstlerin nun Figuren aus der Welt der Mythen und Sagen in ihre aus der Realität und der Imagination gewonnenen true places. In seinem Katalogtext beschreibt Christoph Peters jene Stimmung, die Martina Altschäfer in den Bann zieht und die sie mit Farbstift, Pastellkreide und Gouache auf Papier zeichnerisch virtuos einfängt: „Seit Menschengedenken sind die Gipfel der Berge Sehnsuchtsorte und verbotene Zonen, Übergangsräume zwischen Himmel und Erde, (…). Sie gelten als Sitz der Götter oder dämonischer Mächte, die für ein freundliches Schicksal, die Abwendung von Zorn oder Strafe mit Opfern, Prozessionen, Gebeten gnädig gestimmt werden müssen. Dort, in der Höhe, ragt der irdische Raum am tiefsten in die Unendlichkeit des Kosmos. Fast scheint es, als folge die schwere Masse träger Materie, indem sie sich zu Gebirgen auftürmt, einer ihr eigenen Transzendenz, wachse über sich selbst hinaus, um sich der Sonne zu nähern – dem Ursprung von Licht und Wärme, ohne die kein Leben möglich wäre. Nirgends auf der Erde strahlt dieses Licht intensiver als auf den schneebedeckten Bergen.“ Martina Altschäfers Zeichnungen entwickeln sich Schicht um Schicht langsam über Monate hinweg. Grundlage sind Fotografien, aber vor allem Eindrücke und Stimmungen, die sich während der Streifzüge durch das Gotthard-Massiv ins Gedächtnis der Künstlerin eingeschrieben haben. Alle Zeichnungen verbindet Schönheit und Harmonie, die Altschäfer durch Lichtsetzung und Farbigkeit erreicht. Sie lässt die gewaltigen Berglandschaften durch ihre Lichtdramaturgie mal rätselhaft surreal, mal bedrohlich erscheinen. Die Bäuerin mit ihrem Schlitten auf Milch I (2017) scheint ebenso aus einer anderen Welt zu stammen, wie die beiden Wanderer mit bombastischem Blumenschmuck auf Frühling (2020). Altschäfer übersteigert in dieser Zeichnung Figuren alemannischen Brauchtums, mit denen der Winter verabschiedet und der Frühling begrüßt wird. Auf Rauhnacht (2020) ist eine Prozession von sechs Wanderern durch die Berge kurz vor Einbruch der Dunkelheit dargestellt. Auch sie tragen auf dem Weg durch eine einsame, menschenleere Schneelandschaft einen aufwendigen Kopfschmuck. Der Titel Rauhnacht verweist auf die unheiligen Nächte der Zeit um den Jahreswechsel, in denen das Tor zur „Anderswelt“ geöffnet ist und böse Geister durch Rituale oder magische Handlungen gebannt werden sollen. In der Wiedergabe des Himmels mit seinen Wolkenformationen und durch die Beleuchtung der dargestellten Szenen lässt die Künstlerin verborgene Naturkräfte in ihren Zeichnungen aufscheinen. Hierbei beherrscht Martina Altschäfer das große Format (bis zu 130 x 160 cm) ebenso wie die Miniatur. Die Linie tritt in ihren Zeichnungen durch das Verwischen und Verreiben der Farben mehr und mehr zugunsten einer malerischen Tiefe zurück. Martina Altschäfer, geboren 1960 in Rüsselsheim, hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. 1991 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin von Prof. Konrad Klapheck ab. Von 1990 bis 1997 unterrichtete sie Zeichnung und Malerei an der Johannes-Gutenberg-Universität und an der Fachhochschule Wiesbaden. Martina Altschäfer hat zahlreiche Stipendien erhalten und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Arbeiten der Künstlerin befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter die Sammlung der Deutschen Bank, des Kunstmuseums Albstadt, des Gutenberg Museums Mainz und des Landesmuseums Mainz. Martina Altschäfer hat in den vergangenen Jahren mit Brandmeldungen (2018) und Andrin (2020) Kurzgeschichten und einen Roman im Mirabilis Verlag veröffentlicht. Sie lebt und arbeitet in Rüsselsheim. Katalog zur Ausstellung True Places. Martina Altschäfer Zeichnungen 2014-2021 mit einem Text von Christoph Peters und zahlreichen farbigen Abbildungen Format 29 x 23 cm, 48 Seiten, Cover franz. Broschur POLLeditionen, ISBN 978-3-9822971-3-2 Preis: 20 Euro Vorzugsausgabe mit dem Holzschnitt Wintersperre, 2021, Auflage 30 Preis: 200 Euro, während der Ausstellung: 180 Euro Der Katalog wir gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und die Stadt Rüsselsheim am Main, die Ausstellung durch Neustart Kultur und Stiftung Kunstfonds.
Ort: Galerie Poll bis: 2021-03-13
Künstler: Peer Boehm
Thema: Ausstellungsdauer: 19. Januar bis 27. Februar 2021 verlängert bis 13. März 2021! Unter dem Titel Grenzerfahrung stellt die Galerie Poll den Maler und Zeichner Peer Boehm erstmals in einer Einzelausstellung vor. Mit Zeichnungen war der Kölner Künstler bereits im Sommer 2019 an der Themenausstellung erinnern – träumen – zeichnen der Galerie beteiligt. Peer Boehm verknüpft in Leinwandarbeiten, Aquarellen und Zeichnungen mit Kugelschreiber Erinnerungen mit Bildern von Reisen und urbanen Räumen. Grundlage für seine Motive sind Fotos, die er in Fotoalben vom Flohmarkt oder im Internet findet. Für die Ausstellung suchte Peer Boehm gezielt nach Fotovorlagen mit Bezug zur einstigen Mauerstadt Berlin. Das titelgebende Bild der Ausstellung ist komponiert aus zwei überlagerten Szenen. Die eine, dunkelblaue Schicht zeigt schemenhaft Autos, die an einem Kontrollpunkt warten, es ist der Checkpoint Charlie. Die andere, rote Bildebene mit menschlichen Silhouetten lässt einen Pulk von Journalisten erkennen, die ihre Kameras auf zwei Männer richten, die sich feierlich begrüßen. Links steht Leonid Breschnew, ihm gegenüber Walter Ulbricht – oder ist es Erich Honecker? Das zu klären, ist der Betrachter gefordert. Auch die Mauer lässt sich nur bei genauem Hinsehen verorten: eine rote Linie verläuft schräg vom linken zum rechten Bildrand, darüber gleitet ein Fluggerät mit Propeller. Das ebenfalls auf die Farben Blau und Rot konzentrierte Querformat Tauziehen grundiert in Blau der Pariser Platz mit dem angedeuteten Brandenburger Tor, in Rot darüber gelegt sind die Umrisse spielender Kinder, die beim Tauziehen gegeneinander antreten. Der Titel kann auch auf das jahrzehntelange Kräftemessen zwischen dem Ostblock und dem Westen bezogen werden. Boehm folgt bei der Auswahl der Fotovorlagen seiner Intuition. Aber es gibt wiederkehrende Motive: Die Darstellung von Ereignissen, die im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft gespeichert sind, interessiert ihn ebenso wie persönliche Erinnerungen an Herkunft, Kindheit und Familie. Manchmal benennt Boehm die dargestellten Orte, etwa in Berlin-Müllerstraße. Auf dem schmalen Hochformat mit transparent aufgetragener Tusche und Aquarellfarbe spiegeln sich Passanten in den Pfützen des regennassen Trottoirs. Auf Daheim ist am schönsten ist der Berliner Tauentzien mit einem alten Doppeldeckerbus erkennbar und der mittlerweile abge-rissenen Fußgängerbrücke, die viele Jahre über diese verkehrsreiche Straße führte. Charakteristisch für Boehms Bildsprache ist das Prinzip der Aussparung, das die Motive aus Hell-Dunkel-Kontrasten hervortreten lässt. Hierfür reduziert der Künstler seine Bildvorlagen am Computer auf die in seinen Augen wesentlichen Formen. Die Leerstellen eröffnen Felder für individuelle Assoziationen. Für seine Zeichnungen, die er gerne auf Holz aufgezogen präsentiert, nutzt Peer Boehm auch Fundstücke wie Seekarten oder einzelne Seiten aus Konto-Büchern als Bildträger. Herkunft und Heimat, Reisen und Ferne sind Themen, die sich durch sein Werk ziehen. Dies wird deutlich durch die immer wiederkehrenden Titel Daheim ist am schönsten und Woanders ist auch schön. Peer Boehm, 1968 geboren in Köln, studierte von 1990 bis 1994 Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik an der Universität zu Köln. Im Jahr 1997 war er Mitbegründer der Produzentengalerie „Kunstgewinn“ und 1999 der Künstlergruppe „itinerarti” in Köln. 2006 rief er die Künstlergruppe „Die Kunstkreditkarte – Was Schönes für unterwegs“ ins Leben und ist seit 2011 Mitglied des Kunstvereins „68elf e.V.“. Peer Boehm lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Köln. Während des Lockdowns kann die Ausstellung nur auf unserer Website besucht werden. Das Büro der Galerie ist besetzt. Sie erreichen uns telefonisch und per Email. Ein Katalog ist in Vorbereitung. Anlässlich des Erscheinens ist ein Künstlergespräch mit Jochen L. Stöckmann geplant. Der Termin wird noch bekanntgegeben.
Ort: Galerie Poll bis: 2021-01-09
Künstler: Eric Keller
Thema: Eröffnung: Samstag, 31. Oktober 2020, 12-18 Uhr Der Künstler ist anwesend. „Nachsaison“ lautet der Titel der zweiten Einzelausstellung des Malers Eric Keller in der Galerie Poll. Die 2019 und 2020 entstandenen Bilder zeigen Rast- und Parkplätze, Bahnübergänge, Interieurs oder Bühnen, meist menschenleer. Dabei handelt es sich nicht um Abbilder der dargestellten Orte. Vielmehr versucht der Künstler, mit seiner Malerei Momente und Stimmungen, Erlebtes und Erinnertes einzufangen. Hierbei arbeitet er meist aus dem Gedächtnis, manchmal nach Zeichnungen oder Skizzen, nie nach Fotografien. Einzelne Motive gibt es in verschiedenen Ausschnitten oder Perspektiven. So unspektakulär die Motive der Bilder, so nüchtern sind auch ihre Titel: „Bahnübergang“, „Interieur mit Hocker“, „Bühne mit Planeten“ oder „Plateau mit Fernsehturm“. Charakteristisch für Kellers Malerei ist eine gedeckte Farbpalette mit Grau-, Blau-, Violett- oder auch Ockertönen. Als Bildträger für seine Öllasurmalerei wählt er Holz, ein Material, das ihm bei der vielfältigen Überarbeitung seiner Motive einen Widerstand bietet. Zeit ist ein wichtiges Moment bei der Entwicklung von Eric Kellers Arbeiten, von denen meist mehrere parallel im Atelier entstehen. Durch Übermalungen, aber auch das Wiederabtragen von Farbe durchläuft ein Werk viele Zustände, bis es vom Maler als abgeschlossen erklärt wird. Eric Keller gelingt es mit seiner Malerei, für den Betrachter Meditations- und Ruheräume zu öffnen. Zuweilen geht von seinen Bildern auch eine tiefe Melancholie aus. Eric Keller, geboren 1985 in Grimma, hat 2018 sein Meisterschüler-Studium bei Prof. Annette Schröter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig abgeschlossen. Zuvor studierte er Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bei Rolf-Gunter Dienst und von 2008 bis 2014 Malerei bei Elke Hopfe und Ralf Kerbach an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Arbeiten von Eric Keller befinden sich u.a. in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und in der Sammlung der Ostsächsischen Sparkasse. Eric Keller lebt und arbeitet in Dresden.
Ort: Galerie Poll bis: 2020-10-24
Künstler: Ralf Kerbach
Thema: Eröffnung: Donnerstag, 3. September 2020, 18-21 Uhr Künstlergespräch mit Jochen L. Stöckmann (gegen 19 Uhr) Anlässlich der Ausstellung erscheint ein Katalog. Unter dem Titel BETON. Neue Bilder zum Arbeiter zeigt die Galerie Poll Bilder und Zeichnungen zum Typus des Arbeiters von Ralf Kerbach aus den Jahren 2018 bis 2020. Ergänzt wird die Ausstellung durch einige frühere Arbeiten des Künstlers. Kerbach setzt sich darin mit der existentiellen Situation des arbeitenden Menschen auseinander. Vor dem Hintergrund seiner Herkunft aus der DDR und in der Auseinandersetzung mit der Doktrin des Sozialistischen Realismus analysiert der Künstler die Veränderungen der Arbeitswelt. Auslöser für das Thema der neuen Bilderserie ist die vor drei Jahren begonnene denkmalgerechte Sanierung eines alten Bauernhauses, die den Künstler und Professor für Malerei und Grafik schwere, körperliche Arbeit auf einer Baustelle erfahren ließ und mit neuen Baumaterialien und Arbeitsmethoden konfrontierte. „Das hat mich wieder mit einer Wirklichkeit in Verbindung gebracht, die ich als Hochschullehrer so nicht mehr hatte. Und hat dadurch Bilder freigesetzt, von denen ich sage: Die musst du malen“, erläutert der Maler im Katalog. Auf zumeist großformatigen Leinwänden stellt Kerbach Arbeiter in einer skizzenhaften, offenen und auf wenige Farbtöne reduzierten Malweise dar: Sein Abbrucharbeiter (2020), ein Mann im Overall vor leuchtend rotem Grund, kommt mit einer Schubkarre auf uns zu, sein Freier Maurer (2019), ein Mann mit bloßem muskulösen Oberkörper, trägt in der einen Hand die Maurerkelle und in der anderen den Eimer mit Mörtel. Die Automatisierungsprozesse der Arbeitswelt betrachtet der Maler sarkastisch: Die Arbeiter auf Beton I und Beton II (2020) drohen sich selbst einzubetonieren, der Rohrleger (2019) hat sich zur Steigerung der Arbeitsleistung einzelne Rohrteile so über den rechten Arm gestülpt, dass er zur mechanischen Gliederpuppe wird und auf dem Bild Typ Styropor (2020) verschwindet der Mensch gänzlich hinter dem auf dem Bau vielfach als Dämmstoff verwendeten Material. „Die neuen Bilder von Ralf Kerbach sind eine Momentaufnahme, die Auskunft gibt darüber, wo er heute mit seiner Kunst angekommen ist und wohin ihn das Zeichnen und Malen in den letzten vier Jahrzehnten geführt hat. Wenn Adorno recht hat und nicht der Künstler sein Werk, sondern das Werk den Künstler erklärt, dann lohnt es sich, diese Bilder zum Typus des Arbeiters, (…), in ihrer Formensprache und im Gestus der Figuren als präzise Bildzeichen zu lesen, die etwas mitteilen über sein momentanes Selbstverständnis und seine Kunstpraxis heute. Denn von Anfang an war für ihn die Kunst ein Lebensmittel, ein permanenter Versuch, sich durch die Formulierung immer neuer Bildzeichen als Denkchiffren seiner Existenz zu versichern, sich selbst zu beobachten und zu verstehen in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit“, resümiert Eckhart J. Gillen in seinem Katalogbeitrag. Ralf Kerbach, geboren 1956 in Dresden, studierte von 1977 bis 1979 an der Hochschule für Bildende Künste seiner Geburtsstadt bei Prof. Gerhard Kettner, bis man ihn zur Exmatrikulation drängte. Daraufhin siedelte er 1982 nach West-Berlin über. 1986/87 erhielt er ein Stipendium in Olevano und verbrachte ein Jahr später längere Zeit in Paris. Bis 1990 lebte und arbeitete er in Valquières bei Montpellier. 1991 reiste er als Stipendiat der Deutsch-Brasilianischen Sommerakademie nach João Pessoa/Paraíba, Brasilien. Seit 1992 ist er Professor für Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Ralf Kerbach lebt und arbeitet bei Dresden. Seine Werke befinden sich in wichtigen privaten und öffentlichen Sammlungen, unter anderen in der Berlinischen Galerie, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Museum der bildenden Künste Leipzig und im Museum Barberini Potsdam.
Ort: Galerie Poll bis: 2020-08-22
Künstler: Daniel Poller
Thema: Ausstellungsdauer: 23. Juni – 1. August 2020 (vom 4. bis 22. August 2020 nur nach Vereinbarung) Die Galerie Poll freut sich, die aktuelle Arbeit „Endgültige Fassung der Beschlussvorlage“ von Daniel Poller in einer Einzelausstellung erstmals vorzustellen. Die 39 Fotografien entstanden während des Abrisses des Instituts für Lehrerbildung (FH Potsdam) im Jahr 2018 auf dem Alten Markt in Potsdam. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation bei Edizione Multicolore, die auch als Vorzugsausgabe mit einem nummerierten Abzug erhältlich ist. Daniel Poller nutzte 2018 ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn, um sich in Potsdam mit der geplanten Wiederherstellung des historischen Stadtkerns zu beschäftigen: Alter Markt mit Nikolaikirche, Altes Rathaus, Nachbauten von Stadtschloss und Palais Barberini, Garnisonkirche, Rechenzentrum, Abriss von DDR-Architektur wie der Fachhoch-schule aus den siebziger Jahren. Die Fotografien zeigen die Zerstörung dieses herausragenden Beispiels der DDR-Moderne durch Bagger und Abrissbirne. Kenner der Architekturgeschichte sehen in dem Gebäude Anklänge, sogar eine Kopie der von Mies van der Rohe 1962 in Les Moines (Iowa) erbauten Verwaltung einer US-Bausparkasse. Nackter Beton, abgeschlagene Kacheln, Geröll, gegeneinander verbogene rostige Armier-Eisen oder Rohre führen den von den Potsdamer Stadtverordne¬ten entgegen zahlreicher Proteste beschlossenen Abriss in seiner Brachialität vor Augen. Diesen Details stehen Aufnahmen des Gesamtensembles des Platzes gegenüber, die die beinahe kulissenhaften Schichten verschiedener Architekturepochen zeigen. „Wie schon in Berlin, wo sämtliche Repräsentationsfassaden der Ostmoderne mit dem immer gleichen Sandsteinmäntelchen verhängt wurden, sollen auch hier alle Spuren der Moderne verschwinden – besonders, wenn sie vom besiegten System hinterlassen wurden. Was man am Alten Markt versucht, ist die komplette Auslöschung all dessen, was zu Zeiten der DDR gebaut wurde“, schrieben Niklas Maak und Claudius Seidl 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die Umdeutung von Architektur im Stadtraum und eine daraus resultierende Überschrei¬bung von Geschichte ist ein zentrales Thema in Daniel Pollers Arbeit. Verdichtung, Inversion und Wiederkehr sind zumeist Methoden seiner kritischen Untersuchungen. Bei der Annäherung an seine Sujets ist Poller auch immer wieder der Langeweile ausgesetzt. So auch, als er während einem seiner zahlreichen Aufenthalte in der Nähe des Trümmerfeldes der FH Potsdam das Ende der Mittagspause der Bauarbeiter abwarten musste, um den fortschreitenden Abriss festhalten zu können. Währenddessen entdeckte er einen kleinen Vogel, der immer wieder dieselben Teile der Ruine durchflog. Anscheinend auf der Suche nach seinem Nest, flatterte der Hausrotschwanz orientierungslos mal hierhin und mal dorthin, bis die Bagger ihre Arbeit fortsetzten. Der Titel der Serie bezieht sich auf eine Beschlussvorlage für die 8. Tagung der Stadtverordnetenversammlung Potsdam vom 24.10.1990. Durch diese wurde der Magistrat beauftragt, „dem weiteren Verfall der verbliebenen echten historischen Bausubstanz Potsdams Einhalt zu gebieten und eine langfristige, die Jahrtausendwende überschreitende Konzeption für eine von Verantwortung getragene behutsame Wiederannäherung an das charakteristische, historisch gewachsene Stadtbild zu entwickeln.“ Daniel Poller, geboren 1984 in Rodewisch, schloss sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2017 als Meisterschüler von Prof. Peggy Buth und Prof. Joachim Brohm ab. Der Künstler erhielt zahlreiche Stipendien, darunter 2018 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds. 2015 wurde er mit dem Aenne-Biermann-Preis für deutsche Gegenwartsfotografie Gera und 2017 mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis Frankfurt am Main ausgezeichnet. Seine Werke befinden sich u.a. in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main und im n.b.k. Videoforum. Die Zeitschrift ARCH+ druckte in ihrem viel diskutierten Heft #235 Rechte Räume 2019 einen Auszug seines Werkes Frankfurter Kopien zur Neuen Frankfurter Altstadt ab und beauftragte den Künstler, für eine Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein eine umfangreiche Arbeit zur Berliner Architektur seit 1990 zu entwickeln. Daniel Poller lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2020-06-13
Künstler: Volker Stelzmann
Thema: Ausstellung vom 6. März bis 18. April 2020 bis 13. Juni 2020 verlängert! Eröffnung: Donnerstag, 5. März 2020, 18-21 Uhr Einführung (gegen 19 Uhr): Dr. Sebastian Preuss, Senior Editor Weltkunst Volker Stelzmann, 1940 in Dresden geboren, wird seit über 30 Jahren von der Galerie Poll vertreten. Die Einzelausstellung „Was tun?“, benannt nach dem gleichnamigen Gemälde aus dem Jahr 2019, zeigt Malerei aus den vergangenen drei Jahren sowie Radierungen aus den Jahren 1972 bis 2004. Sie bildet den Auftakt von Hommagen für den Maler, Zeichner und Grafiker aus Anlass seines 80. Geburtstages im November. Eine gemeinsame Ausstellung des Angermuseums Erfurt in Kooperation mit der Kunsthalle Schweinfurt wird ab Ende August zu sehen sein. „Mich interessieren – um es ganz umfassend zu sagen – die Menschen unserer Zeit, ihr Verhältnis zu sich selbst, zueinander und zur Welt.“ (Volker Stelzmann, 1973) Bis heute ist der Mensch zentraler Gegenstand seiner Bilder, die in zart changierender Farbigkeit und subtilen Figurenkonstellationen wechselnde Befindlichkeiten und Lebenssituationen der Gesellschaft vor Augen führen. Malweise und Komposition von V.S., so sein Monogramm, sind beeinflusst vom Studium der italienischen Manieristen (Pontormo), der Altdeutschen (Baldung Grien, Grünewald) oder Otto Dix, am Ende aber liegt jedem Bild Stelzmanns genaue, zeitdiagnostische Beobachtung seiner Umwelt zugrunde. Kleidung, Accessoires und Frisuren seiner Figuren meinen wir nur gar zu gut zu kennen, aber mit diesen vertrauten Details gelingt es Stelzmann, einen ganz eigenen Kosmos zu entwickeln: „Die matte Sinnlichkeit der malerischen Sprache, die überlängten, verrenkten, manchmal auch (…) im Bild umher fliegenden Personen, die kühle und zugleich magische Stimmung, die expressiven und zugleich erstarrten Gesichter – all dies sorgt für eine Bildwelt, in der eigene Regeln gelten.“ (Sebastian Preuss) Stelzmann wählt für seine hintergründigen Parabeln und Sinnbilder immer wieder auch biblische Motive. Die achtteilige Reihe „Die Boten“ aus dem Jahr 2018 lässt auf kleinformatigen Tafeln die zwölf Apostel in zeitgenössischem Outfit auftreten, seine Radierungen, eine Technik, die Stelzmann bis ins Detail mit all ihren Feinheiten beherrscht, haben mit Auferstehung oder Heimsuchung religiöse Themen zum Bildgegenstand. Zwei neue Selbstporträts, „Selbst vor Blau“ und „Selbst mit Masken“, beide aus dem Jahr 2019, runden den Überblick in der Galerie Poll ab. Diese malerische Gattung pflegt Stelzmann von Beginn seiner Laufbahn an. Bunte venezianische Masken hält sich der mehrfach auf dem extrem schmalen Querformat erscheinende Künstler vor das Gesicht, in ihren unterschiedlichen Typisierungen verweisen sie auf die von Stelzmann gerne behandelten Themen Karneval, Akrobatik und Zirkus. Volker Stelzmann studierte von 1963 bis 1968 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, wo er von 1975 bis 1986 lehrte, seit 1982 als Professor. 1986 nutzte Volker Stelzmann eine große Ausstellung seiner Arbeiten in der Staatlichen Kunsthalle in West-Berlin, um die DDR zu verlassen. Nach einer Gastprofessur an der Städelschule Frankfurt am Main 1987/1988 berief ihn die West-Berliner Hochschule der Künste (HdK, heute: UdK) 1988. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006. 1988 zeigte die Galerie Poll ihre erste Einzelausstellung von Volker Stelzmann. Werke des Künstlers befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen. Volker Stelzmann lebt und arbeitet in Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2020-03-21
Künstler: Richard Thieler
Thema: Zur 70. Berlinale zeigt die Galerie Poll in ihrem Schaulager Kino-Fotografien von Richard Thieler. Unter dem Titel Cinémas perdus versammelt sie in ihrer zweiten Einzelausstellung des 1963 in Berlin geborenen Fotografen rund 30 Farbaufnahmen von aufgegebenen Lichtspielhäusern aus Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Tschechien und den USA aus den Jahren 2011 bis 2019. In Braunschweig fotografierte Thieler 2018 das Lido. Die Aufnahme ist Motiv der Einladungskarte und des Plakats der Ausstellung. Das Lido wurde 1958 in einem ehemaligen Luftschutzbunker gegenüber dem Hauptbahnhof eröffnet. Damals gab es 21 Lichtspielhäuser in Braunschweig. Seit 1984 ist das Lido geschlossen, heute befindet sich in dem Gebäude eine Diskothek. 2020 hat Braunschweig noch zwei Multiplexe, ein von einem studentischen Verein betriebenes Kino sowie zwei saisonale Filmaufführungsorte im Schloss und im Audimax der TU. Dieser Niedergang ist exemplarisch für das weltweite Kinosterben, das seit Ende der 1950er Jahre mit dem Einzug des Fernsehgeräts in die Haushalte begonnen und bis heute durch Video, DVD, Special-Interest TV-Sender sowie Internetdienste wie Netflix vorangetrieben wird. Der Fotograf nähert sich den Kinos meist von vorne und zeigt entweder das gesamte Gebäude in Frontalansicht oder einen architektonisch charakteristischen Ausschnitt der Kinofassade. Dabei achtet Thieler darauf, dass der Name des Kinos stets zu sehen ist. Durch diese gleichbleibende Einstellung betont der Fotograf die formalen Gemeinsamkeiten von Kinoarchitekturen, die geografisch weit auseinanderliegen. In der vergleichenden Betrachtung ergibt sich dadurch eine besondere Spannung seiner Fotoserie. Mittlerweile hat Thieler rund 600 Kinos – offene und geschlossene, bei Tag und bei Nacht – weltweit fotografiert und sie in Einzel- und Themenausstellungen in Berlin und anderswo, u.a. 2017 in der Kunsthalle Erfurt, präsentiert. In den vergangenen elf Jahren ist so eine einzigartige kultursoziologische und bauhistorische Dokumentation von Lichtspielhäusern entstanden. Auf den Fotografien gibt es Details wie Filmplakate, Anschläge oder Graffitis, aber auch vom Leben rund um die Kinos als Stätten öffentlichen Zusammentreffens zu entdecken. Da jeder Betrachter seine eigene Geschichte mit einem Kino verbindet, gelingt es Thieler mit seinen Fotografien persönliche Erinnerungen wachzurufen und so die Magie des Kinos einzufangen.
Ort: Galerie Poll bis: 2020-02-29
Künstler: Sarah Haffner
Thema: Ausstellung vom 17. Januar bis 29. Februar 2020 Am 27. Februar 2020 um 19 Uhr: Lesung und Gespräch mit David Brandt, Jan Schüler, u. a. Es moderiert der Journalist und Kunstkritiker Jochen L. Stöckmann. Am 27. Februar 2020 wäre Sarah Haffner 80 Jahre alt geworden. Die Galerie Poll widmet der Malerin und Schriftstellerin aus diesem Anlass unter dem Titel „Goodbye to Berlin“ eine Ausstellung mit Werken aus verschiedenen Schaffensperioden und nimmt mit dem Titel Bezug auf das gleichnamige Buch Christopher Isherwoods, das der Künstlerin sehr am Herzen lag. Zum Geburtstag werden Wegbegleiter aus Texten der engagierten „Achtundsechzigerin“ und Tochter des Publizisten Sebastian Haffner lesen. „Malerei ist nicht nur abstrakt wie die Musik. Sie ist auch nicht erzählend wie die Literatur, sondern sie liegt dazwischen. Man braucht den Gegenstand als Widerstand für die Abstraktion.“ (Sarah Haffner) Diese schon früh formulierten Thesen haben das künstlerische Schaffen Sarah Haffners zeitlebens geprägt. Ihre Themen findet die Künstlerin anfangs im alltäglichen Umfeld. Sie malt den Abwasch, ihre Schallplattensammlung, ihren Arbeitstisch oder ein Regal mit den Büchern, wie sie in den 1960er Jahren in jedem linken Haushalt standen. Und immer wieder Blicke aus dem Fenster auf den Kastanienbaum im Hof ihrer Wohnung in der Uhlandstraße, in der sie über fünfzig Jahre lebte, ihrem persönlichen Schutzraum. Stadtbilder, viele mit den für Berlin typischen Brandmauern, Landschaften, Menschen, vor allem große Köpfe und Selbstporträts, gehören später zu ihren Motiven. Zeitweise malt Sarah Haffner ihre Bilder auch in Reihen, in denen sie ein Motiv durch verschiedene Farbgebung in den unterschiedlichen Lichtstimmungen einer Tages- oder Jahreszeit zeigt. Haffners Bilder zeichnen sich vor allem durch klare Formen und ihre Farbigkeit aus, für die die Künstlerin eine besondere Mischtechnik aus Ölfarbe und Eitempera entwickelt. Die Farbe ist für sie neben der Komposition das Wichtigste in ihren Bildern. Sie verwendet sie nicht naturalistisch, sondern expressionistisch und zugleich räumlich. Die Farbe ist der Stimmungsträger in den Bildern, häufig ein mediterranes Blau oder Blaugrün, für Sarah Haffner die Farbe der Seele und nicht selten der Melancholie. „Sarah Haffner malt nur auf den ersten Blick im abbildhaften Sinne realistische Bilder. Ding und Figur sind in ein konstruktivistisch zu nennendes Kompositionsgerüst eingespannt, die Formen zu Farbflächen abstrahiert. Raum und Körperlichkeit entstehen als Bildplastizität vornehmlich im Dialog der Farben, nicht durch suggestive Perspektive. (…) Daher beziehen ihre Bilder diese eindringliche Stille.“ (Jörn Merkert) Sarah Haffner, geboren 1940 in Cambridge (England), wohin ihre Eltern 1938 wegen der jüdischen Herkunft der Mutter von Berlin aus emigriert waren, wuchs in London auf. 1954 zog sie mit ihrer Familie nach West-Berlin, besuchte dort die Meisterschule für das Kunsthandwerk (1956-57) und studierte Malerei an der Hochschule für bildende Künste (HfbK) bei den Professoren Hans Jaenisch und Ernst Schumacher (1957-60). In Berlin lebte Sarah Haffner mit zwei kurzen Unterbrechungen durch Aufenthalte in Paris und London bis kurz vor ihrem Tod. 1960 wurde ihr Sohn David geboren. 1973 holte sie an der HfbK die Ernennung zur Meisterschülerin nach. 1975-76 war Sarah Haffner Autorin eines Fernsehberichtes und Herausgeberin eines Buches über Frauenmisshandlung. In der Folge wurde 1976 das erste Berliner Frauenhaus gegründet, in dem sie sechs Monate lang ehrenamtlich arbeitete. Werke von Sarah Haffner befinden sich in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen, u.a. in der Berlinischen Galerie. Museum für Moderne Kunst, im Jüdischen Museum Berlin, der Stiftung Stadtmuseum Berlin sowie in der Sammlung der Bundesrepublik Deutschland.
Ort: Galerie Poll bis: 2020-01-11
Künstler: Heike Negenborn, Andreas Silbermann
Thema: Unter dem Titel „Landschaften“ zeigt die Galerie Poll erstmals Malerei und Zeichnungen von Heike Negenborn (*1964) und Andreas Silbermann (*1964). „Net-Scapes“ hat Heike Negenborn ihre jüngsten Arbeiten genannt, für die sie 2018 mit dem Pfalzpreis für Bildende Kunst in der Sparte Malerei ausgezeichnet wurde. Mit einem Gitternetz sind nach den Gesetzen der Zentralperspektive weite Ebenen und sanfte Höhenzüge konstruiert, darüber türmen sich mächtige Wolkengebilde, zufällig geformt durch Wind und Wetter. Die Landschaft scheint exakt und ganz objektiv vermessen. Tatsächlich aber wählt die Künstlerin ihren Standpunkt subjektiv, nach eigenen Vorlieben, und zwar en plein air, in freier Natur. Allerdings erinnern deutlich sichtbare Reste des geometrischen Gitters – den Schaltkreisen von Computerplatinen ähnlich – daran, dass hier vom Menschen geprägte, artifizielle Kulturlandschaften, etwa Weinberge, dargestellt werden. Diese Überformung durch die moderne Zivilisation betont die Malerin dadurch, dass sie ihre bis dato kräftige Farbpalette bis hin zur Abstraktion reduziert auf Schwarz und Weiß sowie die daraus gemischten Grautöne. Über dem meist sehr niedrigen Horizont treten ganz unterschiedliche Wolkenformationen hervor. Mit diesem Motiv knüpft Negenborn an John Ruskin an, der 1840 feststellte, dass „die moderne Landschaftsmalerei sich von der alten vor allem durch das Wolkenwesen unterscheidet“: Als Mitglied der „Cloud Appreciation Society“ sammelt die Malerin in ihrem eigenen Archiv Wolkenfotografien und kombiniert diese nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählten Kamera-Bilder mit ihren zentralperspektivischen „Aufnahmen“ südfranzösischer oder südspanischer Landschaften. Mit dieser Arbeitsweise durchdringen sich Fotografie und Malerei, Realität und Illusion derart, dass sich der schnelle Blick des Touristen von vornherein verbietet. Mit ihren „Net-Scapes“ stellt Heike Negenborn die trügerische Gewissheit digitaler Medien infrage und löst ein, was Jürgen von der Wense (1894-1966) nach den Erfahrungen seiner „Wanderjahre“ forderte: „Jede Aussicht – und auch ein Gemälde – ist voller Rätsel. Für jedes Bild der Landschaft müssen wir die Lösung erst finden.“ Auch Andreas Silbermann verwendet als Grundlage seiner Landschaften Fotografien. Orte, die sein Interesse wecken, hält er mit der Kamera fest, um sie – oft Jahre später – zur Hand zu haben und in Malerei zu übertragen. In der Galerie Poll sind italienische Landschaften aus den Jahren 2016 bis 2019 ausgestellt. Landschaften, die durch den Alltag, durch Ackerbau, Wirtschafts- und Wohngebäude oder sonstige Eingriffe überformt wurden. Der Künstler nennt sie „Strange Places“. Häufig handelt es sich um topographische Konstellationen und Architekturen, die dem Durchreisenden nicht weiter ins Auge fallen, die als „trist“ oder „trostlos“ abgetan werden. Die am Auto- und Zugfenster vorbeiziehende Landschaft wird ebenso zum Motiv wie der nächtliche Himmel über einer einsamen Landstraße. In seiner Ölmalerei auf meist kleinformatigen Holztafeln gelingt es Silbermann, durch das Spiel der Farben Stimmungen und Licht so wiederzugeben, dass der Betrachter angezogen wird von Bildern jener Realität, die er im „normalen“ Alltag keines Blickes würdigt. Um zu betonen, dass es sich bei seinen Arbeiten keinesfalls um Illusionen oder die Ästhetisierung einer Ideallandschaft handelt, hat Silbermann anfangs die exakten Geodaten als Bildtitel verwendet. Heike Negenborn, geboren 1964 in Bad Neuenahr-Ahrweiler, Studium in den Fachgebieten Malerei, Design und Keramik am Washington College, Chestertown, Maryland, USA und Malerei und Druckgrafik bei Prof. Peter Lörincz an der Akademie für Bildende Künste Mainz, lebt und arbeitet in Windesheim. Andreas Silbermann, geboren 1964 in Wilhelmshaven, Studium der Malerei an der Hochschule der Künste Braunschweig bei Prof. Hermann Albert, lebt und arbeitet in Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2019-10-26
Künstler: Göran Gnaudschun
Thema: 6. September bis 26. Oktober 2019 Ausstellung im Schaulager bis 1. Februar 2020 verlängert! Eröffnung: Donnerstag, 5. September 2019, 18-21 Uhr Es spricht Bodo-Michael Baumunk (gegen 19 Uhr) Am 10. Oktober 2019 findet um 19.30 Uhr ein Künstlergespräch statt, geführt von Brigitte Werneburg. „Are You Happy?“ lautet der Titel der neuen Fotoserie von Göran Gnaudschun, die jetzt in der Galerie Poll erstmals mit nahezu allen Motiven ausgestellt wird. Begonnen hat Göran Gnaudschun die Arbeit 2017 während seines Villa Massimo-Stipendiums und bis 2019 für sie fotografiert. „Are You Happy?“ spielt in der östlichen Peripherie Roms, in Wohnquartieren, Industriegebieten und Brachen, in der Gegend rund um die Via Prenestina – eine der alten Konsularstraßen, die in der Antike das Römische Reich mit seiner Hauptstadt verbanden. Seit 1890 wurden ständig neue Gebäude in den östlichen Stadtvierteln errichtet, um jene Menschen aufzunehmen, die in Rom ihr Glück suchten. Kamen sie früher überwiegend aus Venetien und Sizilien, so sind es heute oftmals Bangladeschi, Afrikaner und Roma aus Südosteuropa. Junge, trendige Viertel gehen über in Wohngebiete für Angestellte, für Arbeiter und für Menschen, bei denen niemand weiß, wovon sie eigentlich leben. In Richtung Osten werden die Verhältnisse immer ärmer. Hochhauskomplexe, Investruinen, Problembezirke. Die antike Stadtmauer trennt die Peripherie vom Postkarten-Rom. Mit seiner neuen Fotoserie stellt sich Göran Gnaudschun die Frage nach Lebensraum und Lebenszeit. Die einfache Frage „Are You Happy?“ hat der Fotograf den Menschen, die er in ihrem Lebensumfeld porträtierte, nie gestellt. Er fotografierte stattdessen Häuser und Wohnblocks, Straßen und Brachen in Centocelle, Pigneto, Prenestino, Quarticciolo und anderen römischen Vororten; dazu zeichnete er ihre urbanen Grundrisse aus der Vogelperspektive. Aus dieser Kombination entsteht eine mehrschichtige atmosphärische Arbeit, die dem Betrachter das Lebensgefühl in den Vorstädten Roms vermittelt. Gnaudschun treibt in seinen Fotografien die Frage nach dem Dasein um: „Oft entsteht im Porträt zwischen mir und dem Gegenüber eine ungeahnte Nähe. Etwas ist für einen Moment vorhanden, das ohne Sprache auskommt. Es geht darum, wer wir sind. In der Offenheit meines Gegenübers spüre ich das Dasein des anderen, wenn auch nur für kurze Augenblicke. Diese sind kostbar wie das Glück, auf das man sich nicht verlassen kann.“ Göran Gnaudschun, geboren 1971 in Potsdam, studierte von 1994-2003 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Timm Rautert künstlerische Fotografie (Diplom) und Bildende Kunst (Meisterschüler). Er erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen für seine Arbeiten, darunter 2013 das Arbeitsstipendium des Kunstfonds Bonn und 2018 den Brandenburgischen Kunstpreis. 2016-2017 war er Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Seit 2018 lehrt Gnaudschun an der Ostkreuzschule für Fotografie Berlin. Große Aufmerksamkeit erlangte er 2014 mit seinem Buch „Alexanderplatz“, einer Arbeit über junge, aus der Gesellschaft gefallene Menschen, über das die Neue Zürcher Zeitung schrieb: „So differenziert hat lange kein Fotograf (s)ein Thema behandelt.“ Seine Fotografien wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Institutionen und Museen in Berlin, Hannover, Frankfurt, München, Paris, Riga, Rom und San Francisco gezeigt und befinden sich in verschiedenen öffentlichen Sammlungen, u.a. in der Art Collection Deutsche Börse, Frankfurt am Main, der Berlinischen Galerie – Museum für Moderne Kunst, Berlin, und dem Folkwang Museum Essen. Göran Gnaudschun lebt und arbeitet in Potsdam. Noch während der Ausstellung erscheint im Oktober das gleichnamige Buch, das auch als Vorzugsausgabe erhältlich ist.
Ort: Galerie Poll bis: 2019-08-03
Künstler: Danja Akulin, Peer Boehm, Ralf Kerbach, ORLANDO
Thema: 14. Juni bis 3. August 2019 Eröffnung: Donnerstag, 13. Juni 2019, 18-21 Uhr Der Journalist und Kunstkritiker Jochen L. Stöckmann wird zur Eröffnung ein Gespräch mit den Künstlern führen (gegen 19 Uhr) „Zeichnungen sind Handschriften, […] Tagebücher, Notate, Stilübungen, Annäherungen, wissenschaftlich, technisch oder einfach nur hingerotzt. Und Zeichnungen – das macht sie oft schwer zugänglich – geben Stimmungen wieder. Melancholie und Freude, Konzentration und Einsamkeit finden hier ihren unverwechselbaren Ausdruck.“ (Michael Glasmeier, Annelie Lütgens) Diese Unverwechselbarkeit des klassischen, sich stets erneuernden Mediums ist für die Galerie Poll Anlass, regelmäßig zeitgenössische Positionen der Zeichenkunst vorzustellen. Unter dem Titel „erinnern – träumen – zeichnen“ zeigen vier Künstler Zeichnungen und auch Radierungen aus den vergangenen Jahren: Danja Akulin und Ralf Kerbach werden seit vielen Jahren von der Galerie Poll vertreten, Peer Boehm und ORLANDO sind als Gastkünstler erstmals mit ihren Arbeiten zu sehen. Alle vier vereint ihre Passion für die Technik der Zeichnung, zwei von ihnen auch die für die Radiertechnik. Danja Akulin komponiert seine Zeichnungen entweder mit Bleistift und Graphit aus feinsten, filigran nebeneinandergesetzten Zeichen oder erarbeitet sie in grob malerischer Geste mit Kohle. Als Motive wählt er Wälder, Felder, Wolken und Wasser, verzichtet aber auf konkrete Titel, um neben der naturalistischen Darstellung auch das perfekt eingefangene Wechselspiel von Licht und Schatten zu betonen. Die Darstellung der Figur im Raum beschäftigt Ralf Kerbach seit langem. In seinen jüngsten Bleistift- und Tuschezeichnungen zeigt er den arbeitenden Menschen mit Bulldozer, Werkzeug oder Baumaterial. Mit leisem Humor verweist er auf dessen zunehmende Entfremdung, so bei „Arbeiter/ Gestalt“, wo der Arm in einzelne, röhrenförmige Glieder unterteilt wird. Auch Kaltnadelradierungen mit eindringlichen Selbstbildnissen aus früheren Jahren sind ausgestellt. Peer Boehms zentrales Thema ist das Erinnern. Kindheit, Familie, Herkunft sind ebenso wie manche Reiseerfahrungen in unserem Gedächtnis gespeichert als ungeordnete, oft schemenhafte Eindrücke. Dieses Bilderreservoir ruft der Künstler durch meist kaum DINA4 große Kugelschreiberzeichnungen ab. Die fotografischen Vorlagen werden stark reduziert, Boehms Bildsprache beruht auf diesem Prinzip der Aussparung. Mit dem grafischen Projekt „Sehnung“ (seit 2010) begibt sich ORLANDO auf den Weg, das Unendliche zu ergründen: Mehrere Radierungen – die Fragmente – ergeben ein wechselndes Wolkenpanorama. Die Zeichnung „Sehnung royal“ (2011-13) entstand während der Arbeit an den Fragmenten. In scheinbar unendlicher Zahl formen senkrechte, kleine schwarze Kugelschreiberstriche ein riesiges Wolkenbild.
Ort: Galerie Poll bis: 2019-06-08
Künstler: Jenö Gindl
Thema: Im Zentrum der dritten Einzelausstellung von Jenö Gindl in der Galerie Poll steht eine 2018 entstandene Folge von Schwarz-Weiß-Arbeiten: Fotografien in der Technik der Kallitypie zeigen u.a. ein umgekipptes Glas, einen hochhackigen Damenstiefel, eine Telefonbox an einer Häuserwand oder eine Palme am Straßenrand, alle aufkaschiert auf transparentem Japanpapier, hinter dem der Keilrahmen als Kreuz durchschimmert. Kombiniert sind diese Motive mit Objektschildern bzw. Bildlegenden, wie man sie aus Ausstellungen oder Katalogen kennt: Titel, Entstehungsjahr, Maße und Herkunft des Kunstwerks sind vermerkt. Beide Elemente zusammen sind als „ein Bild“ wahrzunehmen, das keine vertraute Realität entstehen lässt, sondern den Betrachter mit Fragen konfrontiert. Gehören die Informationen auf den Objektschildern zu den darüber gezeigten Motiven? Welche Bedeutung haben die dort angegebenen Titel und Provenienzen? Weshalb wird die Konstruktion des Rahmens gezeigt? Jenö Gindl nennt diese Serie „Americans“. Dies könnte als Referenz an den berühmten Schweizer Fotografen Robert Frank gelesen werden, der in den fünfziger Jahren ein Guggenheim-Stipendium genutzt hatte, um die USA zu durchqueren und das Land in der Provinz, hinter den Hochglanzkulissen, zu erkunden. Seinen transparenten Tafeln stellt Gindl in der Ausstellung als Umkehrung weiße, blickdichte Leinwände gegenüber. Grob gerasterte Frauenporträts, durch weiße Streifen über einzelne Gesichtspartien anonymisiert und kombiniert mit Hashtags, wie sie in den sozialen Medien üblich sind: #girl, #immigrant; #gun, #fashion oder #terrorist. Bilder von Frauen sind mit Schlagworten der asymmetrischen Kriegsführung versehen: „Badly armed Enemy“, „Hostage“ oder „Target“. In der Serie „Oracle“ wird ein Frauenporträt viermal auf einer Leinwand montiert. Die Porträts weichen durch kleine Eingriffe minimal voneinander ab und spielen so mit dem Mythos der Fotografie als „authentischem“ Bild. Jenö Gindl schöpft für seine Arbeiten aus einem großen Fundus eigener Fotografien, nutzt aber ebenso Fremdmaterial, wie z.B. Filmstills. Alle ausgestellten Arbeiten beschäftigen sich mit der menschlichen Wahrnehmung, so auch die großformatige Palladiotypie „Twins“ (2015) mit dem Doppelbild von zwei Augenpaaren. Sie haben alles im Blick. Jenö Gindl, geboren 1962 in Göttingen, studierte Kunstgeschichte und Geschichte an der Freien Universität Berlin, bevor er an der Hochschule der Künste Berlin ein Kunststudium absolvierte, das er 1992 als Meisterschüler von Herbert Kaufmann abschloss. Schon während des Studiums begann 1989 seine Zusammenarbeit mit dem Göttinger Steidl-Verlag für besondere Buchprojekte in einer hierfür von ihm eingerichteten Lithographie-Werkstatt. Seit 1994 betreibt Jenö Gindl in Berlin ein Studio für Fotografie mit dem Schwerpunkt auf fotografischen Edeldruckverfahren. Zur Ausstellung erscheint eine Edition.
Ort: Galerie Poll bis: 2019-04-20
Künstler: Sabina Grzimek
Thema: Unter dem Titel Sabina Grzimeks Welt. Menschen – Tiere – Landschaften stellt die Galerie Poll in ihrer achten Einzelausstellung Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen der 1942 in Rom geborenen und im Berlin der Nachkriegsjahre aufgewachsenen Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin vor. „Es geht mir nicht um Schönheit, ich gehe von der Wahrheit aus, vom Begreifen“, lautet seit vielen Jahren ein Leitsatz von Sabina Grzimek für ihre Arbeiten, für die sie die Themen vor allem in ihrem persönlichen Umfeld und Erleben findet. Hierbei möchte sie nicht nur Äußerlichkeiten abbilden. Ihre Motivation liegt vielmehr in der Auseinandersetzung mit dem Verborgenen, das nicht unmittelbar greifbar ist. Die zugleich ausdrucksstarke wie sensible Formensprache der Künstlerin steht in der Tradition von Bildhauern wie Wilhelm Lehmbruck, Marino Marini bis hin zu Alberto Giacometti und Germaine Richier und deren existentiellem Realismus. „Schaut man auf ihre Arbeiten, so stellt sich immer wieder der Eindruck ein, als ob man einem sichtbar gewordenen ‚Dahinter‘ nachgehen könne. Denn ihre Werke erscheinen feingliedrig, gefährdet, immer etwas aufgeregt, suchend – wie Windstöße, die plötzlich da sind, die in irgendetwas hineinwehen, um kurz darauf wieder der Stille den Platz zu überlassen“, so formuliert es der Kunsthistoriker Dr. Fritz Jacobi. Die Qualität von Grzimeks Werken resultiere aus der Behutsamtkeit ihrer Formungen und der Wahrhaftigkeit ihrer Anschauungen. Sabina Grzimek schloss 1967 ihr Studium der Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ab und war von 1969-1972 Meisterschülerin an der Berliner Akademie der Künste bei Fritz Cremer. Ihre Werke befinden sich in namhaften Sammlungen und Museen, darunter die Nationalgalerie Berlin, die ihr 1992 eine Retrospektive im Alten Museum ausrichtete. Die aus diesem Anlass im Berliner Lustgarten aufgestellte Skulptur Stehende und liegende Gruppe (1980-85) befindet sich heute auf dem Lützowplatz in Berlin-Tiergarten. Ferner stammen das Gerhart-Hauptmann-Denkmal vor dem Museum des Dramatikers und Schriftstellers in Erkner (1992), die Weinheimer Reiterin in der Fußgängerzone von Weinheim (1996) und das Bildnis von Mildred Scheel im Heidelberger Centrum für Tumorerkrankungen (2010) von ihr. Ehrungen durch Preise wie u.a. den Käthe-Kollwitz-Preis (1983) oder den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg für ein Lebenswerk (2011) zeugen von der Anerkennung des Werkes von Sabina Grzimek, die als freischaffende Künstlerin in Berlin und Erkner lebt. Die Kunststiftung Poll hat mit Unterstützung privater und öffentlicher Förderer 2012 damit begonnen, die Skulpturengruppe Sieben Gesten des aufrechten Ganges (1996) von Sabina Grzimek auf dem Garnisonkirchplatz in Berlin-Mitte aufzustellen. Das Vorhaben wird am 14. März 2019 mit der Aufstellung der Skulptur Der Denker, gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, fortgesetzt.
Ort: Galerie Poll bis: 2019-03-02
Künstler: Hermann Albert, Ulrich Baehr, Lambert M. Wintersberger
Thema: Ausstellung vom 19. Januar bis 2. März 2019 Eröffnung: Freitag, 18. Januar 2019, 18-21 Uhr Der Kunstdiskurs in West-Berlin war Ende der sechziger Jahre durch die amerikanische Hard Edge-Malerei, die Minimal Art und die Pop Art bestimmt. In ihrer Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen knüpften einige Künstler zur gleichen Zeit an die Werke eines John Heartfield oder George Segal an: Hermann Albert (*1937), Ulrich Baehr (*1938) und Lambert Maria Wintersberger (1941-2013) brachten diese kritische Tradition mit Elementen der damals aktuellen Pop Art zusammen. Pop & Politik zeichnet diesen Prozess mit Arbeiten der sechziger Jahre nach. Charakteristisch für die frühen Bilder von Hermann Albert (*1937) ist eine flächig betonte, stark farbige Figuration. Albert malt Frauen in verschiedenen Bewegungsphasen: Sie kleiden sich an oder aus, bewegen sich von hier nach dort, bücken sich oder richten sich auf. „In einer Welt des Gewöhnlichen versuche ich nichts anderes, als etwas Gewöhnliches zu zeigen.“ (Hermann Albert) In nebeneinandergereihten Bildtafeln verändert sich die Haltung der Figur nur minimal oder die Szenerie ist vor glattem, monochromem Hintergrund auf einer einzigen Bildtafel auf mehrere kleinere Flächenabschnitte komprimiert. Alberts Frauen, Posen und Momente sind in kühlen, leuchtenden Acrylfarben gemalt. Ulrich Baehrs sogenannte Historienbilder mit Titeln wie Fries für Liebhaber (1965), Sportpalast (1966), Stalin (1966), Le Genéral (1966) oder Neon Mao (1968) entstanden zwischen 1964 und 1968. Baehr führt die Diktatoren, Politiker und Machthaber auf seinen Bildern vor als „nüchtern distanzierte ‚Negative‘ der überlieferten und kolportierten Physiognomien und Rituale deutscher Macht und Herrlichkeit. […] Der heftige Pinselgestus zerfetzt die wohleinstudierte Pose zur Lächerlichkeit, reduziert den Pomp der Inszenierung zur dürftigen Staffage“. (Eckhart Gillen). Fotos aus Zeitungen und Illustrierten dienen ihm als Quelle, nicht aber als direkte Bildvorlage. Er löscht Gesichts- und Körperpartien, zieht Räume und Körper zusammen und charakterisiert die derart „reduzierte“ Prominenz durch Mimik oder Gestik. Von den matten, tonigen Leimfarben wechselt Baehr später zu leuchtenden, grellen Acrylfarben. Exemplarisch steht für diese Entwicklung das Gemälde Neon Mao (1968). Der Künstler schenkte es kürzlich der Kunststiftung Poll für ihre Sammlung. Lambert Maria Wintersberger, vom Kunstkritiker Heinz Ohff zum „originellsten Pop-Artisten Deutschlands“ befördert, gründete 1964 zusammen mit Ulrich Baehr, K.H. Hödicke, Markus Lüpertz, Wolfgang Petrick, Peter Sorge und anderen Malern in West-Berlin die legendäre Produzentengalerie Großgörschen 35 (1964-68). In ihr fanden Künstler in ihrer Abwendung vom Informel und Tachismus im gemeinsamen Streben nach Gegenständlichkeit in der Malerei zusammen. Die Fragmentierung der Figur und dadurch gewonnene, neue „Ein-Sichten“ sind charakteristisch für Wintersbergers Blick auf die westliche Konsumgesellschaft. In einem glatten, konturfixierten Stil verfremdet er die Welt der Reklame mit überdimensionierten Fingern und Fingernägeln sowie riesigen Mündern in tonalen, süßlichen Farben. Es folgen die formatfüllenden Sprengungen, Spaltungen und Fesselungen einzelner Körperteile in unterkühlten Grautönen. Die bis zum 2. März verlängerte Ausstellung Die 60er & 70er Jahre in Berlin: Albert, Kraemer, Lange, Petrick, Sorge. Werke aus der Sammlung der Kunststiftung Poll in der Kunststiftung Poll (Gipsstraße 3, 2. Etage, nach Vereinbarung) bietet weitere Einblicke in die Kunstszene jener Jahre in West-Berlin.
Ort: Galerie Poll bis: 2019-01-12
Künstler: Jan Schüler
Thema: Ausstellung vom 10. November 2018 bis 12. Januar 2019 Eröffnung: Freitag, 9. November 2018, 18-21 Uhr Nach Figuren- und Landschaftsbildern stellt die Galerie Poll in ihrer dritten Einzelausstellung von Jan Schüler seine neue, seit 2017 entstehende Reihe der Berlin-Bilder vor. Stammten die bisherigen Bildthemen mit Porträts von Freunden, Pop-Idolen oder Rheinlandschaften aus dem unmittelbaren Lebensbereich von Jan Schüler, hat der Künstler 2016 damit begonnen, in seinen Gemälden die gesellschaftlichen und politischen Umstände, in denen er aufgewachsen ist, zu reflektieren. Hierzu gehörte für den 1963 geborenen Maler zuallererst eine Auseinandersetzung mit dem Thema Auschwitz in der Reihe „Schwarze Blumen“ (2016/2017). Dieser Reihe folgt nun mit „Berlin“ eine Serie, die sich mit der Stadt von 1945 bis heute auseinandersetzt. Der Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945, die Teilung der ehemaligen Hauptstadt durch die Mauer 1961 und die Wiedervereinigung 1990 sind historische Bezugspunkte, in jedem Geschichtsbuch wie auch im kollektiven Gedächtnis. Für den Künstler kommen persönliche Begegnungen hinzu sowie biographische Bezugspunkte durch seinen Großvater und seine Mutter. Seit seinen ersten Besuchen 1981 in der Mauerstadt ist Berlin bis heute ein Sehnsuchtsort für ihn. Für Künstlerinnen und Künstler verschiedener Epochen war Berlin mit seinen Widersprüchen zwischen äußerer Erscheinung und innerer Verfaßtheit seit jeher anregend: Hans Baluschek, Max Beckmann, Lovis Corinth, Eduard Gaertner, Werner Heldt, Karl Hofer, Ernst Ludwig Kirchner, Adolph Menzel, Lesser Ury, aber auch Rainer Fetting, Karl Horst Hödicke oder Wolf Vostell sahen ihre Stadt als Inspirationsquelle. Schüler nähert sich dem Berlin-Thema in seiner charakteristischen kühlen, reduzierten Malweise. Seine Reihe beginnt mit einem Bild der zerstörten Stadt: „Berlin: Mai 1945“. Das große Querformat lenkt den Blick auf menschenleere Häuserruinen und Trümmerberge nach den Bombenangriffen. Das andere große Querformat der Ausstellung, „Berlin: Transit BRD“, zeigt die Autobahn Richtung Berlin, Hauptstadt der DDR. Die eigens ausgeschilderte Transitstrecke durch die DDR hat sich in das allge-meine Bildgedächtnis eingeschrieben. Dies gilt auch für das Motiv „Berlin: Sportpalast“. Die übrigen Gemälde der auf insgesamt zwanzig Bilder angelegten Reihe zeigen Berliner Orte wie Hauseingänge, Hinterhöfe oder S-Bahnhöfe, die über ihre Identifizierbarkeit als typische Berliner Orte hinaus für Jan Schüler auch eine biographische Bedeutung haben. „Berlin: Großgörschenstraße 35“ zeigt die Vorderfront des Gebäudes, in dessen Hinterhof von 1964 bis 1968 die erste Produzentengalerie Deutschlands ihr Domizil hatte. Dieses Bild ist ein Schlüsselwerk der Reihe. Schülers Mutter war in den fünfziger Jahren die Freundin von Peter Sorge (1937-2000), einem Gründungsmitglied der Künstlerselbsthilfegalerie Großgörschen 35. Nach deren Auflösung wurde im Jahr 1968 die Galerie Poll gegründet. Peter Sorge gehört bis heute zu deren Stammkünstlern. Die Szenerie der sieben bisher entstandenen Gemälde der Berlin-Reihe bleibt menschenleer. Ab und an ergänzen Plakate mit maskenhaften lächelnden oder weinenden Antlitzen die Architekturan-sichten. Ob auch Berliner Persönlichkeiten in der Reihe auftauchen werden, ist abzuwarten. Das Bild „Signale (Eva Poll)“ aus dem Jahr 2011, das in die aktuelle Ausstellung der Berlin-Bilder aufgenommen wurde, könnte darauf hindeuten. Jan Schüler, geboren 1963 in Gießen, studierte von 1985 bis 1992 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rissa und war Meisterschüler bei Fritz Schwegler. 1996 erhielt er den Förderpreis für Bildende Kunst der Stadt Düsseldorf, wo er bis heute lebt und arbeitet. Seine Werke befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen in Deutschland. Jan Schüler hat gemeinsam mit der Kunststiftung Poll, in deren Beirat er seit 2013 Mitglied ist, das erste Bestandsverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen von Maina-Miriam Munsky (1943-1999) herausgegeben.
Ort: Galerie Poll bis: 2018-11-03
Künstler: Peter Sorge
Thema: parallel im Schaulager der Galerie Poll: Editionen, Plakate und Drucksachen aus 50 Jahren Galerie Poll, gegründet 1968 in West-Berlin parallel in der Kunststiftung Poll: Die 60er & 70er Jahre in Berlin: Albert, Kraemer, Lange, Petrick, Sorge Werke aus der Sammlung der Kunststiftung Poll Ausstellungen vom 8. September bis 2. November 2018 Eröffnung: Freitag, 7. September 2018, 18-21 Uhr Es erscheint eine umfangreiche Publikation. In einer Altbauwohnung in der Niebuhrstraße 77 in Berlin-Charlottenburg eröffnete am 8. Oktober 1968 mit einer Einzelausstellung des Malers, Zeichners und Graphikers Peter Sorge (1937-2000) die Galerie Poll. Zum Jubiläum – 50 Jahre danach – zeigt sie vom 8. September bis 2. November 2018 mit „Does sex cause cancer?“ einen Querschnitt durch das Werk des Berliner kritischen Realisten. Denn 1968, das Gründungsjahr der Galerie, ist zur historischen Chiffre geworden für gesellschaftliche Veränderungen und einen kulturellen Aufbruch. Der im Erinnerungsjahr der Studentenrevolte vielfach zelebrierte Rückblick war ein Grund dafür, Peter Sorge auszuwählen: Unmittelbar reagierte der Berliner Künstler in seinen Arbeiten mit Zitaten aus Tageszeitungen, Illustrierten, Porno- und Sportmagazinen auf die Geschehnisse. Und es wirkt heute noch aktuell, wie Sorge Schlaglichter wirft auf die mörderische Kriegsführung der USA in Vietnam oder die brutale Zerschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Truppen. Auch wenn er den Deutschen die Hungersnot in Biafra vor Augen führt, die Menschenrechtsverletzungen der Militärdiktatur in Griechenland, Folteropfer des spanischen Franco-Regimes oder des persischen Schahs, dann werden Parallelen sichtbar. Inspiriert von Methoden der Pop-Art und gegen die Vorherrschaft der abstrakten Malerei „porträtierte“ Sorge die mediale Wirklichkeit der politisch aufgewühlten 60er in Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken. Bei seinen Werken handelt es sich häufig um Mehrfeld-Bilder, in denen der Künstler anscheinend Unzusammenhängendes miteinander kombiniert: manchmal ergibt sich ein scharfer, sofort ins Auge springender Kommentar, meist aber überlässt es Sorge dem Betrachter, assoziativ an seine provozierend zusammengestellten Motive anzuknüpfen. Seine medienkritische, auf Bewusstmachung zielende Kunst ist ein kulturhistorisch bedeutsames Kapitel deutscher Nachkriegskunst. Sie ist zudem, angesichts zunehmender Gleichgültigkeit gegenüber der schieren Masse digitaler Bilder, hoch aktuell. „Ich mache also Bildzitate aus den sog. Massenmedien. Die Kästchen und Strich- oder Farbrahmen drumrum sind die Anführungsstriche. Mehrere dieser Zitate stelle ich nun auf einem Blatt zusammen bzw. gegeneinander und erhalte so manchmal Bilderrätsel, manchmal Kalauer, wenns hoch kommt, Paradoxe und Antithesen, aus denen der Betrachter seine Synthesen machen kann und soll. (…) Ich möchte, dass die Leute das optische Angebot, das sie jeden Tag vorgeschüttet bekommen, nicht Seite für Seite konsumieren und wieder vergessen, sondern durch befremdliche Kombinationen dieses Angebots betroffen werden und vielleicht gar ‚Denkanstöße‘ erhalten.“ (Peter Sorge, 1972) Peter Sorges Arbeiten sind in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten, er wurde bei einer Umfrage des Kunstmagazins Flash art in West-Berlin 1972 von Museumsdirektoren, Galeristen und Kunstkritikern als einer der wichtigsten Protagonisten der damaligen Kunstszene benannt. Dennoch ist sein Werk heute nur einem engen Kreis bekannt. Es gilt, ihn neu zu entdecken. Sorge studierte ab 1958 an der Hochschule für Bildende Künste Berlin und schloss sein Studium dort 1964 als Meisterschüler bei Fred Thieler und Mac Zimmermann ab. Er war Gründungsmitglied der heute legendären Produzentengalerie Grossgörschen 35 (1964-1968) sowie der Gruppe Aspekt (1972-1977). 1968 erhielt er den Burda-Kunstpreis in der Sparte Grafik, 1969 den Kunstpreis der Stadt Wolfsburg. Von 1980 bis 1982 lehrte er als Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Zahlreiche Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Museen, Kunstvereinen und Galerien folgten. Die Galerie Poll widmete dem Künstler nach 1968 zahlreiche weitere Einzelausstellungen. Eva und Lothar C. Poll setzten mit ihrer Galerie die Tradition von Großgörschen 35 fort. Stand der Name Poll anfangs vor allem für die Kunstrichtung des „Kritischen Realismus“, gilt die heute von Nana Poll gemeinsam mit ihrer Mutter Eva Poll geleitete Galerie als Ort für Kunst der Gegenwart seit 1960 mit den Schwerpunkten deutsche Malerei, Zeichnung, Fotografie und Skulptur. Nach mehreren Standorten, davon dreißig Jahre am Lützowplatz 7 in Berlin-Tiergarten, hat die Galerie ihren Sitz seit Sommer 2015 in der Gipsstraße 3 in Berlin-Mitte. Im selben Gebäude arbeitet auch die 1986 gegründete Kunststiftung Poll. Mit einem zusätzlichen Schaulager bietet der gemeinsame Standort insgesamt rund 350 m² Ausstellungsfläche. Das Gebäudeensemble der ehemaligen Musikschule Mitte wurde Ende der 1990er Jahre nach den Entwürfen des Architekten Jürgen Pleuser zu einem Kunst- und Atelierhaus ausgebaut. Die Galerie Poll ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und im Landesverband Berliner Galerien (lvbg), zu dessen Gründungsmitgliedern sie ebenso zählt wie zu den Gründungsmitgliedern der Vorgängerin, der 1968 gegründeten Interessengemeinschaft Berliner Kunsthändler (IBK), die Ende der 1960er Jahre parallel zu Köln in Berlin die ersten Messen für zeitgenössische Kunst veranstaltete und deren Vorsitz Eva Poll von 1976 bis 1982 innehatte. Eva Poll war im Kunstbeirat des Senats tätig, sie hat die Vergabe des Otto-Nagel-Preises, mit Ausstellung und Förderstipendium, mit initiiert. Sie gehört u. a. dem Vorstand des von Günter Grass (1927-2015) gestifteten Daniel-Chodowiecki-Preises an. Zusammen mit Lothar C. Poll gründete sie 1986 die Kunststiftung Poll und hat als Kuratorin zahlreicher Ausstellungen in Museen in Deutschland und im europäischen Ausland sowie in Goethe-Instituten Zeichen gesetzt. In Würdigung ihrer großen Verdienste um die Berliner Kunstlandschaft und als Auszeichnung für ihr langjähriges kulturpolitisches Engagement wurde Eva Poll im Jahr 1993 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Der lvbg trug ihr im Jahr 2008 die Ehrenpräsidentschaft an. Nana Poll arbeitet seit 2014 im Vorstand des lvbg mit. Ein Teil des umfangreichen Archivs der Galerie Poll befindet sich seit 2009 im Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK). Zu den Ausstellungen erscheint eine begleitende Publikation mit einem umfangreichen Abbildungsteil, Fotografien und Wiederabdrucken ausgewählter Texte zur Geschichte der Galerie Poll sowie einer Übersicht der Ausstellungen und Editionen 1968-2018. POLLeditionen, ISBN 978-3-931-759-40-7, Preis: 25 Euro)
Ort: Galerie Poll bis: 2018-07-28
Künstler: Eric Keller
Thema: Unter dem Titel „Stille Drift“ zeigt die Galerie Poll Arbeiten des Malers Eric Keller aus den vergangenen zwei Jahren erstmals in einer Einzelausstellung. Seit 2012 waren Bilder des Künstlers bereits mehrmals in Themenausstellungen zu sehen. Mit seiner Malerei umkreist Eric Keller Stadt- und Industrielandschafen, Menschen und Porträts sowie Interieurs verlassener Orte. Die Motive entstehen zumeist aus der Erinnerung, hin und wieder nach Skizzen. Dem Künstler kommt es nicht auf das Abbild an, ihm geht es um eine Wiedergabe von Erlebtem, Erfahrungen und Stimmungen. Immer wieder übermalt und verändert Keller im Entstehungsprozess einzelne Partien seiner Gemälde. Die dabei verrinnende Zeit ist ein wichtiger Faktor, weil das Detail in der Erinnerung immer mehr an Bedeutung verliert, die formale Verallgemeinerung tritt in den Vordergrund. Die Ölfarbe wird in mehreren lasierenden Schichten übereinander auf den Bildträger Holz, nur selten auf Leinwand aufgetragen. Die Farbpalette des Künstlers mit blassen gedeckten Grau-, Blau-, Violett- oder auch Ockertönen lässt die Bilder wie eingefroren wirken und betont eine gewisse Melancholie. „Diese statische Darstellung führt einerseits zu der den Bildern innewohnenden spezifischen Zeitlosigkeit, wenn Raum und Figur aus dem Hier und Jetzt gefallen zu sein scheinen; andererseits gelingt es Keller, gerade diese Zeitlosigkeit durch eine ausgesprochene zeitgenössische Darstellung von auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen ironisch zu brechen“, beschreibt die Kunsthistorikerin Gwendolin Kremer Kellers Malerei. Für den Maler Michael Klipphahn, einen ehemaligen Kommilitonen, stellen die Bilder einen „Kommentar zur heutigen ostdeutschen Realität des Nichterlebens“ dar. Eric Keller, geboren 1985 in Grimma, ist seit 2016 Meisterschüler bei Annette Schröter an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Von 2006 bis 2008 studierte er Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bei Rolf-Gunter Dienst und von 2008 bis 2014 Malerei bei Elke Hopfe und Ralf Kerbach an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Seine Werke befinden sich u.a. in der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und in der Sammlung der Ostsächsischen Sparkasse. Eric Keller lebt und arbeitet in Dresden und Leipzig.
Ort: Galerie Poll bis: 2018-06-02
Künstler: Johannes Daniel, Daniel Poller
Thema: Einen Maler und einen Fotografen – Johannes Daniel und Daniel Poller – stellt die Galerie Poll im zweiten Teil ihrer Ausstellungsreihe 2 x 2 erstmals in Berlin vor. Zum Auftakt hatten der Maler Justus Bräutigam und die Fotografin Susanne Keichel ebenfalls neue Arbeiten gezeigt. Johannes Daniel bedient sich konventioneller Mittel in der Malerei und entwickelt daraus aktuelle Bilder. Dieser Prozess der Bildwerdung steht im Fokus seiner Auseinandersetzung um die Bedingungen und Möglichkeiten der Malerei. Sein besonderes Interesse gilt der Transformation von Alltagssituationen, Seherlebnissen in Kunstausstellungen oder Hör- und Leseerfahrungen sowie digitalen Bildern in seine künstlerische Arbeit. Für Daniel ergibt sich daraus ein fortlaufender Prozess der Entwicklung und Ausformulierung von Bildern: „Im Wiederholen und Sampeln von Bildgedanken und -fragmenten und der prinzipiellen Uneinholbarkeit eines gedanklichen Konstrukts im malerischen Ausdruck liegt für mich der Zwang fortzufahren. Denn die nächste Formulierung ist der erneute Versuch, das Verhältnis zwischen innerem und gemaltem Bild zu thematisieren.“ Die Ölgemälde sind Einzelbilder, aber sie stehen immer auch in einer Beziehung zu den zuvor und danach gemalten Bildern. Diese Korrespondenz spielt für Daniel bei der Präsentation seiner Arbeiten ebenso eine Rolle wie jenes Spannungsfeld, das sich durch die kalkulierte Zusammenstellung von kleinen und großen Formaten ergibt. Daniel Pollers Reihe Der große Gewinn hatte einen Kalender mit historischen Fotografien des Braunschweiger Schlosses zur Grundlage, dazu kam ein Radiergummi mit aufgedruckter Welfenkrone. Das im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstörte Schloss war 1960 abgerissen, dann aber 2007 teilweise wiederaufgebaut worden. Hinter den historisierenden Fassadenelementen ist seither mitten in der Braunschweiger Innenstadt in zeitgenössischer Glasarchitektur ein Einkaufszentrum angesiedelt. Derartige „historische Rekonstruktionen“ sind europaweit beliebt. Immer häufiger ersetzen Repliken das Original und geraten so zu einer Neuinterpretation von Geschichte. Thema der aus elf Motiven bestehenden Serie Der große Gewinn ist die Geschichte des Wiederaufbaus des Braunschweiger Schlosses. Poller reproduzierte und vergrößerte die Kalenderblätter auf Pigmentdrucke im Format von 160 x 110 cm, um dann Teile der historischen Motive mit dem Radiergummi auszulöschen. Durch das Ausradieren entstanden weiße Flächen, mit denen der Künstler auf die Willkür bei der nach historischen Fotografien vorgenommenen „Rekonstruktion“ der Schlossfassade verweist. Der Kunsthistoriker Marcus Andrew Hurttig spricht von „Negativmalerei“, da die Leinwand die Bilder bereits als Druck enthält und der Radiergummi als formgebender Pinsel Löschspuren hinterlässt. Die Umdeutung von Architektur im Stadtraum und eine daraus resultierende Verfälschung von Geschichte ist ein zentrales Thema in Pollers fotografischer Arbeit. „In diesem Sinne dekonstruiert und analysiert Daniel Poller nicht nur die Architektur und ihre Abbilder, sondern gleichermaßen die Funktion der Fotografie.“ (Maik Schlüter) Johannes Daniel, geboren 1987 in Halle an der Saale, schloss sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig 2017 als Meisterschüler von Prof. H. C. Ottersbach ab. Der Maler erhielt u.a. 2016 das Sächsische Landesstipendium, 2017 wurden mehrere seiner Arbeiten durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden angekauft (Ausstellung bis 4. Mai 2018 in der Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund, www.landesvertretung.sachsen.de). Johannes Daniel lebt und arbeitet in Leipzig. Er nimmt an der Ausstellung NGORONGORO II auf dem Ateliergelände in Berlin-Weißensee teil (26. bis 29. April 2018, www.artistweekend.com). Daniel Poller, geboren 1984 in Rodewisch, schloss sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2017 als Meisterschüler von Prof. Peggy Buth und Prof. Joachim Brohm ab. Der Fotograf erhielt zahlreiche Stipendien, darunter 2018 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds. Er wurde 2015 mit dem Aenne-Biermann-Preis für deutsche Gegenwartsfotografie Gera (1. Preis) und 2017 mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis (2. Preis) Frankfurt am Main ausgezeichnet, seine Werke befinden sich u.a. in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main und in der Kunstsammlung Gera. Daniel Poller lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig. Öffnungszeiten Gallery Weekend Freitag, 27. April 2018, 12-21 Uhr Samstag, 28. April 2018, 11-19 Uhr
Ort: Galerie Poll bis: 2018-04-14
Künstler: Justus Bräutigam. Malerei und Susanne Keichel. Fotografie
Thema: Vier junge Künstler, zwei Maler und zwei Fotografen, stellt die Galerie Poll in zwei aufeinander folgenden Doppelausstellungen erstmals umfassend in Berlin vor. Den Auftakt machen vom 3. März bis 14. April 2018 Justus Bräutigam mit Gemälden und Susanne Keichel mit Fotografien. Im zweiten Teil zeigen vom 21. April bis 2. Juni 2018 der Maler Johannes Daniel und der Fotograf Daniel Poller neue Arbeiten. Justus Bräutigam konzentriert sich auf das kleine Format. Menschengesichter oder Gebirgslandschaften malt er mit Ölfarbe im Hoch- bzw. Querformat auf nur 50 x 40 cm Leinwand. In der Ausstellung sind exemplarisch seine Porträtstudien zu sehen. „Aus seiner unmittelbaren, intensiven und ernsthaften Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Malerei entwickelt Bräutigam eine Bildwelt, die ihre authentische Qualität jenseits von zeitgenössischen Moden und Kunstdiskursen entfaltet“, begründete die Jury 2017 den Förderpreis der Sparkasse Schwarzwald-Baar an Bräutigam. Was für die aus der Erinnerung gemalten Landschaften gilt, das erprobt der Künstler ebenfalls mit dem Sujet des menschlichen Gesichts: Er trägt die Ölfarbe mal fein lasierend mit dem Pinsel, mal pastos mit dem Spachtel auf oder wischt sie mit dem Schwamm über die Leinwand. Mit Ausnahme einiger Selbstbildnisse handelt es sich bei Bräutigams Köpfen weniger um Porträts als um Kopfstudien. Mal ist ein Gesicht mit Augen, Nase, Mund vollständig zu sehen, mal schauen nur die Augen durch eine Maske oder aber ein Gesicht ist inmitten von Farbstrudeln kaum noch zu erkennen. Durch das standardisierte Format und den sehr überlegt gewählten Bildausschnitt mit Kopf, Hals, Schulteranschnitt ergeben sich Reihungen, man könnte an eine Art Typisierung denken. Tatsächlich aber ist über das scheinbar einheitliche Sujet hinaus die Malerei selbst das Thema: Prima vista ähneln Köpfe und Gesichter einander – damit lenkt Bräutigam den Blick auf die Unterschiede in Form und Farbe. Susanne Keichel arbeitet ebenfalls in Reihen. Der Mensch steht im Zentrum, auch wenn er auf ihren kleinformatigen Fotografien nicht immer zu sehen ist. Mit der Langzeitstudie Garten versucht die Künstlerin seit 2007 die verborgenen sozialen und mentalen Dimensionen der Porträtfotografie ins Bild zu setzen. Ihre aus 25 Schwarz-Weiß-Fotografien bestehende Arbeit *7. Oktober 1977, Alexandria, † 1. Juli 2009, Dresden (ein Kommentar), 2010-2015 versucht eine dokumentarische Annäherung an die Ermordung von Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 im Dresdner Landgericht. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser fremdenfeindlich motivierten Tat und der Fremdenfeindlichkeit vieler Menschen in ihrer Geburtsstadt mündeten 2015 in der Reihe Fluchtlinien, mit der Susanne Keichel die pauschal als „Flüchtlingskrise“ apostrophierte Migration in ihren individuellen, humanen Dimensionen kenntlich macht. Flüchtlingsheime, Demonstrationen, Hausfassaden, Gerichtssäle und Fahnen sind auf den hochformatigen Fotografien nur in Anschnitten zu sehen. Durch die unkonventionelle Gestaltung eigentlich banaler Bildgegenstände stellt Susanne Keichel die Objektivität der Fotografie infrage, ohne auf die Überzeugungskraft der nüchtern sachlichen Dokumentation zu verzichten. Dadurch schwingt im Hintergrund, eher nachhaltig denn plakativ, eine politische Aussage mit, die der Kunsthistoriker Andreas Prinzing charakterisiert: „Dabei orientiert sich ihre Bildfolge weder an dem linearen Charakter einer Reportage, noch legt Keichel einen streng enzyklopädischen Bildkatalog an. Stattdessen operiert sie mit einer Reihung von Gegenwartsfragmenten, die zwar konkrete Orte bezeichnen, aber auch exemplarisch für eine gesellschaftliche Atmosphäre und Stimmung in Deutschland stehen können.“ In den Fluchtlinien spart die Fotografin die Gesichter der Geflüchteten bewusst aus. An die Stelle des konventionellen Porträts tritt in der gleichwertigen Reihung der Bilder das wiederkehrende Motiv der Hand, die vor neutralem Hintergrund ein Smartphone in die Kamera hält. Auf dem Display sind persönliche Aufnahmen, individuelle Momente der Flucht zu erkennen. So entstehen „indirekte Porträts“ (Andreas Prinzing). Zugleich bewahrt die Fotografin den Geflüchteten durch diese Herangehensweise der distanzierten Nähe einen Schutzraum. Justus Bräutigam, geboren 1984 in Dresden, schloss sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden 2017 als Meisterschüler von Prof. Peter Bömmels ab. Der Maler ist mit mehreren Kunstpreisen ausgezeichnet worden, darunter der Förderpreis der Sparkasse Schwarzwald-Baar (2017) und der Robert-Sterl-Preis (2017), der mit einer Einzelausstellung im Robert-Sterl-Haus in Struppen (Sächsische Schweiz) verbunden war. Justus Bräutigam lebt und arbeitet in Dresden. Susanne Keichel, geboren 1981 in Dresden, schloss ihr Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2016 als Meisterschülerin von Prof. Tina Bara ab. Ihre Arbeit *7. Oktober 1977, Alexandria, † 1. Juli 2009, Dresden (ein Kommentar) wurde 2015 von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden angekauft. Auf der 56. Biennale in Venedig war im selben Jahr ihre Arbeit Fluchtlinien (work in progress) in der Gruppenausstellung Dispossession im offiziellen Rahmenprogramm zu sehen (Katalog). 2017 wurde diese Arbeit im Rahmen des Kooperationsprojektes Rundgang 50Hertz des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz mit der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zusammen mit drei weiteren Künstlerinnen ausgezeichnet und ausgestellt (Einzelkatalog). Susanne Keichel lebt und arbeitet in Dresden. Johannes Daniel. Malerei Daniel Poller. Fotografie 21. April – 2. Juni 2018 Eröffnung: Freitag, 20. April 2018, 18-21 Uhr