
Nach Jahrzehnten der Forschung, Kontroversen und technologischen Innovation liegt nun eines der ambitioniertesten Projekte der Kunstgeschichte vor: Der neue Catalogue raisonné des italienischen Malers Amedeo Modigliani, erarbeitet vom französischen Kunsthistoriker Marc Restellini, wird 2026 veröffentlicht – und könnte den Blick auf das Werk des Künstlers nachhaltig verändern.
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Die sechs Bände enthalten 100 neu authentifizierte Werke – 15 zuvor dem Künstler zugeschriebene Werke wurden allerdings entfernt. Neben den Forschungen musste sich Marc Restellini mit mehreren Rechtsstreitigkeiten und einigen Morddrohungen auseinandersetzen.
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Mehr als 30 Jahre hat Restellini an diesem Werk gearbeitet, insgesamt reicht die Forschung sogar über vier Jahrzehnte zurück. Das Ergebnis ist ein monumentales, sechsbändiges Kompendium, das erstmals das gesamte malerische Œuvre Modiglianis systematisch erfasst. Institut Restellini koordinierte dabei ein internationales Netzwerk aus Wissenschaftlern, Restauratoren und Technikexperten.
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Foto: Amedeo Modigliani: Catalogue Raisonne of Painting, Ausschnitt aus dem Werkverzeichnis, Yale University Press
Mit rund 1.700 Seiten und umfangreichem Bildmaterial versteht sich die Publikation nicht nur als Bestandsaufnahme, sondern als neue Referenz. Jeder Eintrag dokumentiert Provenienz, Ausstellungsgeschichte und Literatur – klassische Elemente eines Catalogue raisonné, der als maßgebliches Instrument zur Authentifizierung von Kunstwerken gilt.
➥ zum Modigliani WerkverzeichnisKaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts ist so stark von Fälschungsdebatten geprägt wie Modigliani. Der neue Katalog reagiert darauf mit einem dezidiert wissenschaftlichen Ansatz: Infrarotanalysen, Pigmentuntersuchungen und sogar Radiokarbonmethoden flossen in die Bewertung der Werke ein.
Das Ergebnis ist ebenso aufsehenerregend wie kontrovers: Rund 100 bislang nicht berücksichtigte Werke wurden neu aufgenommen, während andere, die zuvor als authentisch galten, ausgeschlossen wurden. Diese Neubewertung hat unmittelbare Folgen für den Kunstmarkt, in dem die Aufnahme in ein Catalogue raisonné oft über den Wert eines Werkes entscheidet.

Foto: Amedeo Modigliani: Werkverzeichnis, Ausschnitt aus dem Katalog, Yale University Press
Doch gerade diese Autorität macht solche Projekte anfällig für Konflikte. Die Geschichte der Modigliani-Forschung ist von konkurrierenden Expertisen geprägt, und auch Restellinis Arbeit blieb nicht frei von Widerständen. Fragen der Zuschreibung sind hier nie rein akademisch – sie berühren ökonomische Interessen, institutionelle Macht und das fragile Gleichgewicht des Kunstmarkts.
Der neue Katalog positioniert sich bewusst als Gegenentwurf zu früheren Standardwerken, insbesondere zu den Publikationen des italienischen Kunsthistorikers Ambrogio Ceroni aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Indem Restellini auf neue Technologien und strengere Kriterien setzt, beansprucht er nicht weniger als eine Revision des bisherigen Kanons.
Die Veröffentlichung ist zudem Teil eines größeren Programms: Symposien, Ausstellungen und internationale Kooperationen begleiten den Launch, darunter Projekte mit der New Yorker Pace Gallery. Damit wird der Catalogue raisonné nicht nur als wissenschaftliches Werk verstanden, sondern als Ausgangspunkt für eine Neubewertung Modiglianis im globalen Kunstbetrieb.
➥ Modigliani Werkverzeichnis bestellenMit dem Erscheinen von Restellinis Catalogue raisonné erreicht die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Modiglianis Werk einen neuen Höhepunkt. Das Projekt verbindet klassische Kunsthistorie mit modernster Technologie – und zeigt zugleich, wie umkämpft die Deutungshoheit über künstlerische Nachlässe bis heute ist.
Ob sich Restellinis Version als endgültige Referenz durchsetzen wird, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Die Debatte um Modigliani hat mit diesem Werk nicht ihr Ende gefunden – sondern beginnt in vieler Hinsicht von vorn.