Ausstellung Galerie a.i.p.galerie artists in progress
Dr. Dietmar Werchan, Jahrgang 1941, Pharmazeut im Ruhestand, lebt in Charlottenburg und der Uckermark. Er übte einen wissenschaftlichen Beruf aus, der eine exakte Arbeitsweise voraussetzte, jedoch keinerlei künstlerische Freiheit erlaubte. Diese bahnt sich mittlerweile ihren ganz eigenen Weg in einem neuen Betätigungsfeld: der Schaffung surrealistischer Objekte und Materialbilder.
Die dafür verwendeten Elemente sind gewöhnlich und unscheinbar, oft Fundstücke aus der Natur, Spiel- und Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände des urbanen Alltags. Werchan praktiziert seine sehr spezielle Form künstlerischen Recyclings oder zweckbefreiter Bricolage. Diese Aufwertung oder poetische Aufladung vermeintlich wertloser oder defekter Dinge befördert die Einzelteile in einen neuen Aggregatzustand, nämlich eines autarken Kunstwerks. Sein handwerkliches Geschick und seine Findungsgabe erwecken lose Objekte zu einer neuen Daseinsform, entlocken ihnen eine eigene Sprache, lassen sie historische, märchenhafte oder fantastische Geschichten erzählen – manchmal etwas gruselig oder ironisch, immer jedoch von feinem Humor durchzogen.
Er entlockt wertlosem Strandgut, alten Spielsachen, abgenutzten Utensilien eine dichterische Qualität durch überraschende Verbindungen und Kombinationen von Naturstoffen, pharmazeutischen und industriellen Produkten. Diese Arbeitsweise entlehnt er künstlerischen Praktiken der Surrealisten. Dabei geht es ihm nicht vorrangig um schonungslose psychologische Tiefenschürfungen, die Aura der – scheinbar wertlosen – Materialien wird raffiniert gesteigert und kunstvoll überhöht, ähnlich den Objektkästen eines Joseph Cornell. Manche seiner Kreationen (oder Kreaturen) der Umwidmung entwickeln ihr ungeahntes Eigenleben als Akteure geheimnisvoller Rituale wie Totems, religiöse Reliquien, Kultgegenstände, Militaria, Theaterrequisiten, einer Wunderkammer, einem unbekannten Märchen oder Kapitel deutsch-deutscher Geschichte entnommen.
Diese meist kleinformatigen Werke entstehen nicht in einem weitläufigen Bildhauer-Atelier, sondern in einer winzigen Bastelkammer, eher Zelle als Werkstatt, wo Werchan nicht nur defekte Gegenstände handwerklich geschickt repariert, sondern tote Materie in eigenständige Wesen verzaubert, ihnen Leben einhaucht wie dereinst der Schnitzer seiner Holzfigur Pinocchio.
Für diese Ausstellung „Verfundstücktes“ – seine Wortschöpfung – holt Dietmar Werchan zwei Dutzend seiner Werke aus der intimen Sphäre ihrer Entstehung auf eine offene Bühne, verbindet sie in einer heiteren Choreografie und lässt sie mit dem Publikum interagieren.
Lassen wir uns in ihren lebhaften, bewegten Reigen ziehen!
Karin Barth
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