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Ausstellung

Der Linie nach - Jozef Robakowski – Ausstellung in Berlin

Der Linie nach - Jozef Robakowski
Die Energie einer trägen Linie…
Einen Moment lang ist sie eine Gerade, dann
schwillt sie an, wickelt sich schräg auf, um zu
stoppen, dann setzt sie sich in Bewegung, gewinnt
an Geschwindigkeit, biegt nach links ab, nach
rechts, läuft, läuft, läuft, entgleist, bleibt stehen,
zittert, erstarrt, reißt aber nicht, nimmt Farben an,
errötet, bewegt sich erneut, läuft, wird etwas
schneller, gerät ins Blaue, wird Grün, läuft jetzt
noch schneller davon, um dann nach rechts
abzubiegen, dann links, noch mal rechts, schreit
etwas, was, Stopp, aber eilt weiter, ohne
anzuhalten, ist Violett, oder Blau, nein, Gelb, bleibt
stehen, verkrümmt, rückt sich gerade, hebt sich
auf, fällt runter, bleibt an der Kante, erschreckt,
Violett, Azur, Weiß, steigt auf, fällt, legt sich in
Wellen, Wellen, Wellen, wird langsamer, bleibt
langsam stehen, zuckt, zuckt erneut, kräftig,
bewegt sich, knickt, nach links, nach rechts, doch
geradeaus, immer noch geradeaus, flieht, immer
weiter, Schwarz, ergraut, erblasst, schwillt auf,
atmet, schmilzt …
Jozef Robakowski (2012)

ZAK | BRANICKA ist hocherfreut, eine Ausstellung
des legendären Gründers der experimentellen
Avantgarde-Filmkunst der sechziger und siebziger
Jahre des 20. Jahrhunderts zu präsentieren: Jozef
Robakowski. Hauptthema der Ausstellung ist die
Linie, eines der einfachsten und radikalsten Motive,
das seit den siebziger Jahren wiederholt in das
Schaffen des Künstlers zurückkehrt.

Eine banale Geste – eine auf Filmmaterial gekratzte
Linie (Gnusna linia [Träge Linie], 1992) – hat für ihn
einen analytischen Charakter und visualisiert die
elementarsten Bestandteile der Filmkunst: Zeit- und
Raumbewegung. Der Verlauf der Linie ist für ihn oft
eine Art Energie auslösender Aktion: „Im Jahr 1976
gehe ich ihr [der Linie] entlang mit einer
Filmkamera, einen Moment später laufe ich, fahre,
springe auf… um das Bild meiner biologischen
Vitalität zu erzeugen. Die absurde Aufgabe, die ich
der Kamera aufgesetzt habe, nimmt ihr ihre
ursprüngliche Funktion ab.” Filme und
Videoarbeiten mit der Linie sind daher nicht nur die
Erforschung der für die experimentelle Filmkunst
typischen, psychophysischen Funktion der
Beeinflussung des Menschen durch ein Bild,
sondern auch ein Versuch, dem abstrakten Bild
menschliche Züge zu verleihen.

Der Linie nach ist eine künstlerische Manifestation
der analytischen und strukturellen Filmkunst, die
Robakowski seit den sechziger Jahren beschäftigt.
Seine zentrale Annahme ist die Ablehnung der
narrativen Filmform und der darstellenden Funktion
der Filmkunst. Inspiriert von der Idee des
Theoretikers Karol Irzykowski (1873-1944), das
wichtigste Element in der Filmkunst sei nicht das
Abbild der Realität, sondern das Licht und seine
Funktion, konzentrierte sich Robakowski auf das
Verfahren und die Laboranalyse des Mediums Film.
Ein Beispiel dafür sind seine Filme Test I, 22x oder
Proba II [Probe II] von 1971, die ohne Kamera, allein
durch manuelle Bearbeitung des Filmmaterials
(perforieren, kratzen, etc.) entstanden und in einem
bestimmten Rhythmus Licht direkt aus dem
Projektor durchlassen. Ein weiterer Aspekt war die
Befreiung der Kamera und der damit verbundene
Versuch einer Objektivierung des Bildes, wie in Ide
[Ich gehe] (1973), Po linii... [Der Linie nach…]
(1976) oder Ojej, boli mnie noga [Ohje, mein Bein
tut weh] (1990). Robakowskis Experimente aus den
sechziger und siebziger Jahren knüpften einerseits
an die Tradition der russischen Konstruktivisten an,
mit deren Werken er aufwuchs, und verliefen
andererseits parallel zur Fluxus-Bewegung, dem
Situationismus, dem Aktionismus und sprachen die
gleiche Problematik wie konzeptuelle Künstler wie
unter anderem Malcolm Le Grice und Paul Sharits
an.

Um zu verstehen, wie avantgardistisch und radikal
Robakowskis Haltung war, muss man die damalige
politische Situation und den Kontext des
filmkünstlerischen Milieus berücksichtigen. Um sich
von der Kontrolle des sozialistischen Regimes zu
befreien, schließt sich der Künstler mit einer
Kamera zuhause ein und dreht Filme, die wir heute
schlichtweg ‚home video’ nennen würden oder er
verlässt mit der Kamera die Stadt und geht
beispielsweise in den Wald, wo er einer
Beschlagnahme der Aufnahmegeräte nicht fürchten
muss. Auf der anderen Seite distanziert sich der
Künstler ostentativ von dem beruflichen Umfeld der
Filmbranche, deren Unterwürfigkeit und Heuchelei
gegenüber den Staatsorganen er kritisiert: „Es kam
endlich der Moment, es war um das Jahr
fünfundsiebzig, in dem man sich von der ganzen
sozialistischen Kinematografie verabschieden
musste. Damals blieb uns, Werkstatt-arbeitern, nur
die ‚erweiterte Filmkunst’, durchgeführt auf eigene
Kosten.”

Betrachtet man seine künstlerische Haltung,
erscheint Jozef Robakowski wie ein Witold
Gombrowicz der polnischen Kinematografie. Die
Parallelen zwischen Robakowskis Arbeiten Zabawy
Polakow [Spiele der Polen] (1989), Widok z mojego
okna [Der Blick aus meinem Fenster] (1978-99),
Moje wideomasochizmy [Meine Videomasochismen]
(1990) und Witold Gombrowiczs Tagebuch 1953-
1956 das mit „Montag: Ich; Dienstag: Ich, Mittwoch:
Ich, Donnerstag: Ich“ beginnt, lassen sich nicht
ignorieren. Darüber hinaus entmystifiziert
Robakowski (wie der Finger von Gombrowicz) das
falsche ‚Maul’ der offiziellen Filmszene mit
einfachen Gesten in seinen der Kamera
zugewandten Performances. Das was er sucht (wie
Gombrowiczs Suche nach dem ‚echten Knecht’) ist
eine echte Filmkunst, realisiert oft mit einem
sauberen Filmstreifen, Lichtimpulsgebern und der
Bewegung der Kamera, als einer Verlängerung des
Körpers.

Józef Robakowski (*1939) ist Mitbegründer der
Avantgarde-Gruppen Zero-61, Oko, Petla, Krag und
Warsztat Formy Filmowej. Seine Arbeiten waren Teil
der Biennale Sao Paulo (1973), der documenta 6 in
Kassel (1977) und Biennale Sydney (1982) und
wurden in Institutionen wie De Appel in Amsterdam
(1975), Hayward Gallery in London (1979) und dem
Centre Pompidou in Paris (1983) gezeigt. 2012
zeigten das Zentrum für Zeitgenössische Kunst in
Warschau und Thorn sowie das Nationalmuseum in
Danzig Retrospektiven seiner Arbeit.

Weitere Ausstellungen 2012

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28.01.2012–21.04.2012
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23.06.2012–08.09.2012
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