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In Reiner Seligers Kunst gehen Architektur und Skulptur eine faszinierende Synthese ein. Seine Werke weisen gleichermaßen eine konstruktive Komplexität wie eine archaisch anmutende Klarheit auf.
Aus versetzt aufeinander geschichteten Natursteinen errichtet Seliger seine skulptural-architektonischen Gebilde. Die zumeist geometrischen Grundformen wirken in ihrer urtypischen Einfachheit vollkommen und doch auch versehrt. Die Natursteine, aus denen der Künstler den Baukörper errichtet sind nie intakt, sondern weisen immer raue Bruchkanten auf. Unversehrte Steine werden vom Künstler vor der Verwendung manuell zerstört.
Erst der beschädigte Stein genügt den ästhetischen Ansprüchen und weißt die für ihn so charakteristische Materialität auf, setzt spröde, kantig und ein wenig ungezähmt einen eigenen, deutlichen Akzent zu den ansonsten eher runden, weichen Formen der Baukörper. Zur Verwendung gelangen rotbraune Ziegelsteine ebenso wie weißer Marmor oder grauer Schiefer – ein jeder dieser Farb-Stein-Akkorde entfaltet unter der Hand des Künstlers eine ganz eigene Poesie.
Seligers Skulpturen sind überzeugend modern und schlicht und basieren doch auf dem Formkanon mittelalterlicher Baumeisterkunst. Die Steinschichten werden traditionell aufgebaut und allenfalls durch Leinenbänder stabilisiert – einige der Skulpturen sind daher auch nicht transportierbar, sondern werden erst direkt vor Ort aufgeschichtet. Nicht von ungefähr mag sich mancher gerade angesichts der Ziegelskulpturen an klassische toskanische Baukunst erinnert fühlen – seit 1981 hat der Absolvent der Essener Folkwangschule seinen zweiten Wohnsitz in Castello di Montefioralle.
Durch ihr architektonisches Konzept und die schadhafte, unregelmäßige Außenhaut erinnern die unterschiedlich hohen Konstrukte an primitive, dem zeitlichen Verfall anheim gegebene Behausungen unbekannter Frühkulturen. Der Betrachter wird entführt in exotische, vielleicht längst vergangene Welten und gleichzeitig konfrontiert mit dem Kreislauf von Werden und Vergehen und der Frage nach dem Fortbestehen des vom Menschen Geschaffenen.
Die Ambivalenz zwischen alt und neu, zwischen einfach und komplex, vollkommen und versehrt, Versprechen und Verfall macht die Werke des Künstlers so faszinierend und einzigartig.