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Ausstellung

LIU REN / China - Fotografie – Ausstellung in Berlin

LIU REN / China - Fotografie
DIE WIEDERKEHR DER SCHÖNEN SCHERBEN – Fotografie

Kuratorin: Treisuda Konggann

Im Rahmen zeitgenössischer Kunst hat sich die asiatische Fotografie einen festen Platz erobert. Auch die 1980 in QinHuangdao (China) geborene Liu Ren gehört zu dieser jungen asiatischen Fotografen-generation, die mit den Möglichkeiten digitaler Technik aufgewachsen sind, und diese für die Kreation einer neuen Bildästhetik einsetzen. Nicht wenige Kritiker zählen sie sogar zu deren besten Vertretern.

Für die Studentin an der Central Institute of Fine Arts ist die Fotografie untrennbarer Bestandteil ihres Lebens, ein Raum, wo Fiktion und Realität zusammenfließen. In einer kulturübergreifenden, internationalen Ausdrucksform schafft sie eine (Bilder-) Welt, die Zeit und Raum überschreitet, inszeniert sie ein Nirgendwo, das zugleich die Problematik modernen Welterlebens schonungslos reflektiert.

So zeigt ein Foto aus der "Sleepwalker"-Serie eine Schafsherde vor einem öffentlichen Gebäude. Eine Montage, die den westlichen Betrachter an Bunuels surrealistischen Klassiker "Der Würgeengel" erinnert, in dem eine Horde von Schafen durch die Kirche eilt. Bei Liu Ren ist es ein Gebäude politischer Machthaber, vor dem die Schafe sich angst- und ahnungslos aufhalten, sorglos wie ein "Sleepwalker", ein Nachtwandler. Oder nehmen wir das Foto einer blühenden Stadt, wunderschön, aber im Hintergrund explodiert - so ganz nebenbei - ein Atompilz. Oder das vergnügte Mädchen in einer bis zum Überdruss, bis zur Ekelgrenze überladenen, knallbunten Welt, die sich jedoch dem zweiten Blick als Bühne, d.h. als nicht real offenbart.

Liu Rens postmoderne Foto-Montagen zeigen eine fast naive Freude an Farbigkeit, an der Exotik des Neuartigen, an modernen Welten, die in so rasendem Tempo entstehen und wieder verschwinden, in denen man sich niemals heimisch fühlen wird. So dass manch zeitgenössischer Philosoph diesen Beschleunigungsprozessen gar das „Verschwinden der Realität" zu erfahren glaubt.

Die Künstlerin zeigt uns ästhetische Menschheitsträume, die zugleich einen verantwortungslosen „Schlaf" im Angesicht apokalyptischer Gefahr voraussetzen. In Liu Rens virtuellen Räumen zwischen Realismus und Surrealismus herrscht eine (Sehn-) Sucht nach Überfluss, deshalb ist das Leben „ein Jagen, von morgens bis Mitternacht. Eine Spanne voll Traum, zwischen Gier und Ende." (Rudolf Kurtz, 1926)

Aber jenseits solcher Zeitdiagnostik haben diese Bilder auch eine weitere, sehr persönliche Ebene. Auffallend ist, dass die Künstlerin ihre Träume trotz zahlreicher Brüche keineswegs denunziert. Schließlich deuten die künstlichen Paradiese mit ihren apokalyptischen Zeichen doch auf ein Zerbrochenes, nie mehr gänzlich Restaurierbares ihres eigenen Lebens. So sagt sie: „Liebe ist eine schöne Kristallpuppe, die ich zu Beginn der Zeit vorsichtig an mich nahm. Trotz meiner Fürsorge zerbrach sie, bedeckte den Boden mit faszinierenden Splittern. In aller Ruhe sammelte ich sie, Stück für Stück auf und versteckte sie, um das Geschehen zu vergessen. Und heutzutage, wenn ich nach einem Wasserglas greife oder einen blöden Vogel am Himmel höre, oder in der Klasse meinen Tagträumen nachgehe, zerberstet sie plötzlich wieder und die Vergangenheit überflutet mich, und ich bin hilflos." Die verlorene Liebesfähigkeit, sie wird in der moderner Simulationswelt zugedeckt, aber apokalyptische Zeichen verweisen gnadenlos auf das Verdrängte, drohen mit seiner Wiederkehr. Dem lässt sich nur das Mitsurfen auf der radikalen Beschleunigungswelle entgegensetzen. Deshalb ist Liu Ren glücklich, in China zu leben. Steht dieses Land doch im Zeichen eines so radikalen und schnellen Wandels, wie er in der Weltgeschichte nur selten vorkommt. In solch einem dynamischen Wandel lösen sich alle Strukturen und Erklärungsmodelle auf. Er ist mit einem Channelswitching im Fernsehen vergleichbar. Man behält kein besonderes Programm in Erinnerung, sondern ein riesiges Meer von Eindrücken, ungeordnet, ohne roten Faden. Diese Flut an Eindrücken zu neuen ästhetischen Visionen zu collagieren, das ist der Motor Liu Rens Arbeit, - Traum und Flucht, Reflexion und Vergessen in einem.

Text: Harald Harzheim

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