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Manche Städte üben eine solche Faszination aus, dass
sie von ihren Bewohnern oder Besuchern mit einem
Beinamen versehen wurden, um deren Besonderheit
treffend zu charakterisieren. Schon die Antike kannte
Rom als „die Ewige Stadt“, Paris ist bekannt als „die
Stadt der Lichter“, seit den sechziger Jahren spricht
man vom „Swinging London“ und wer kennt nicht
Frank Sinatras Hymne an „die Stadt die niemals
schläft“. New York gilt auch heute noch als eine
Metropole der Superlative, die 24/7 - rund um die Uhr
- die Einwohner und Touristen in Atem hält.
Im krassen Gegensatz zu dem dröhnenden
Großstadtlärm, den bunten Lichtern, grellen
Leuchtreklamen und dem pulsierendem Leben
erscheinen die Gemälde der beiden Wahl-New-Yorker
Doron Langberg und Sam McKinniss fast still und
intim, verletzlich, nachdenklich, bisweilen versehen mit
einem Anflug von Melancholie. Die Protagonisten auf
McKinniss Bildern erwecken zwar auf den ersten Blick
den Eindruck, die Nacht zum Tag machen zu wollen -
denn sie tragen die auf Techno-Partys beliebten
neonbunten Knicklichter an den Armen oder um den
Hals - dennoch stehen sie isoliert, allein im Dunkeln,
herausgerissen aus dem Nachtleben. Demgegenüber
scheinen die auf den Bildern Langbergs Dargestellten
schlaflose Nächte unter kaltem Neonlicht zu
verbringen.
Doron Langberg, 1985 in Yokneam Moshava in Israel
geboren, lebt seit 2 Jahren im New Yorker Stadtteil
Queens. Die großen Themen, die seine Bilder
bestimmen, sind Liebe und Lust, die er als
fundamentale menschliche Erfahrungen bezeichnet.
Seine persönlichen, intimen oder auch imaginierten
Erfahrungen bilden für ihn den Ausgangspunkt, den er
an der gesellschaftlichen Realität abgleicht. Die
Diskrepanz, die er zwischen seiner subjektiven
Wahrnehmung und der öffentlichen Meinung sieht,
möchte Langberg durch seine Bilder überwinden. Auf
vielen seiner Gemälde nimmt er selbst die Hauptrolle
ein. In teilweise aggressiven sexuellen Posen,
unbeobachteten Momenten oder Szenen intimer
Zweisamkeit setzt er sich den Blicken des Betrachters
aus: „Ich versuche meine Lüste, Ängste und Begierden
durch die bildliche Darstellung, die Form und den
materiellen Malvorgang für den Betrachter unmittelbar
erfahrbar zu machen.“
Auch wenn Langberg auf fast allen Gemälden der
figurativen Darstellung verpflichtet bleibt, erreicht
seine expressive Malweise Formen der Abstraktion, die
ihren Bezug zum Gegenständlichen zugunsten des
Ausdrucks aufgeben. Auf dem Bild „sprawled“ (2013)
kann man eine Person erkennen, die auf einem grünen
Bett oder Matratze mit brauner Decke und Kissen liegt
und selbst ein Spiegel oder Bild lässt sich in der oberen
linken Ecke ausmachen. Die Person ist aber fast
gänzlich auf ihren Umriss reduziert und besteht aus
dem selben lilanen Malgrund, aus dem auch die Wand
gemalt ist. Auch die anderen Gegenstände besitzen
keine Binnenzeichnung, die einer objektiven
Beschreibung dienen, sondern werden nur durch ihren
Umriss zusammengehalten, während sich die Farbe
innerhalb dieser Grenze als ein selbständiger Wert
ausbreitet. Auf „all fours #2“ (2013) schlägt Langberg
eine genau entgegengesetzten Richtung ein. Die
Kontur der Person verschmilzt mit dem im selben Rot
gemalten Untergrund und taucht förmlich in diesen
ein. Die Separation der Gegenstände wird nicht durch
Zeichnung erreicht, sondern einerseits, indem dem Rot
des Körpers ein Grün entgegenstellt wird. Zu dem
Farbkontrast kommt zum anderen die
Gegensätzlichkeit in der Materialität des Farbauftrags.
Neben einem weichen Duktus, der durch die fedrigen,
unscharfen Umrisse noch gesteigert wird, setzt
Langberg Partien aus reliefartigen Farbhügeln. Dass die
konträre Behandlung des Farbauftrags ein bewusst
gewähltes Stilmittel ist, wird an „lovers“ (2012)
deutlich. Es benötigt seine Zeit, aus dem abstrakten
Form- und Farbgefüge die Gegenstände
herauszulesen. Selbst wenn man auf der rechten
Bildseite das verschattete Gesicht ausgemacht und von
dort sich den räumlichen und narrativen
Zusammenhang erschlossen hat, fühlt man sich
dennoch wie vor dem Bild eines Abstrakten
Expressionisten. Nicht nur in formaler Hinsicht
bestehen diese Beziehungen, sondern auch in der
Absicht, Emotionen mit malerischen Mitteln zum
Ausdruck zu bringen. Während jene aber davon
ausgingen, dass der Ausdruck ihrer Gefühle objektive
Wahrheit besäße, ringt Langberg darum, dass der
Betrachter seine Emotionen tatsächlich nacherleben
kann: „...I want to urge the viewer to empathize with
the intimate experiences the paintings depict,
rendering my desire beautiful in their eyes. (...Ich
möchte die Betrachter anhalten, die intimen
Erfahrungen nachzuempfinden, die die Bilder zeigen.
Mein Verlangen soll sich wunderschön in ihren Augen
spiegeln.)“
Über die Schwierigkeit, dahin zu gelangen, gibt sein
Gemälde „untitled“ (2012) Auskunft. Auf dem Bild sieht
man eine Person mit gesenktem Blick, den Kopf auf die
linke Hand gestützt. Eine der bekanntesten Posen in
der Geschichte der Kunst, die Darstellung der
Melancholie. Das Vorbild für Langbergs Bild geht auf
Dürers berühmten Stich „Melancolia I“ zurück, dessen
Personifikation wie eine Schwester im Geiste wirkt. Die
„saturnische Krankheit“, die in der Renaissance als ein
Wesenszug des Genies galt, steht bei Langberg nun
aber nicht mehr im Zusammenhang mit einem
wissenschaftlichen Erkenntnisstreben als einem Sinnen
über das Vermögen des Wissens, sondern wirkt wie ein
Atemhohlen in seinem Versuch, einen Ausdruck für
seine Emotionen zu finden.
Mit der Bitte Zeuxis an Parrhasius, den Vorhang von
einem seiner Gemälde zu lüften, um das Bild
betrachten zu können, war der Wettstreit zwischen den
beiden Künstlern entschieden. Während Zeuxis
Trauben so täuschend echt gemalt haben soll, dass
Vögel versuchten, an ihnen zu picken, hatte Parrhasius
es geschafft seinen Rivalen, den angesehendsten
Künstler des antiken Griechenlands, mit einem
gemalten Vorhang in die Irre zu führen. Nun stellt -
spätestens seit der Erfindung der Photographie - die
naturwahre Darstellung nicht mehr den letzten
Prüfstein für die Qualität von Kunstwerken da. Was
aber bis heute davon geblieben ist, ist der gegenseitige
Vergleich der Künstler über Zeitalter und Grenzen
hinweg. Bei Plinius d.Ä. kann man beispielsweise über
den Maler Antiphilos lesen, der große Bekanntheit
aufgrund seiner Lichteffekte erlangte. In der
Renaissance wird diese Herausforderung der Hell-
Dunkel-Malerei wiederentdeckt und im Barock von
einem Künstler wie Caravaggio zur Perfektion geführt.
Wer sich an diesem Meister maß, reihte sich ein in den
Kreis der sogenannten Caravaggisten.
Der in Northfield Minnesota geborene Künstler Sam
McKinnis hat den Wettstreit mit den Meistern des Lichts
aufgenommen. Auf seinen Nachtstücken lässt er seine
Freunde in völlig dunklen Räumen Modell stehen,
während diese nur von neonbunten Knicklichtern, die
sie um den Hals oder die Arme tragen, beleuchtet
werden. Durch den kräftigen Hell-Dunkel-Kontrast
zwischen dem nachtschwarzen Hintergrund und den
Lichtern scheinen diese tatsächlich zu strahlen. Die nur
spärlich ausgeleuchteten Körper entwickeln eine starke
Reliefwirkung und treten förmlich aus der Leinwand
hervor. Das Inkarnat glänzt in unnatürlichen Grün-,
Violett- oder Orangetönen, die von den Partylichtern
reflektiert werden. Eine besondere Herausforderung
besteht bei solchen Effekten in einer natürlichen
Wiedergabe der Oberflächen, die McKinniss in
erstaunlicher Weise beherrscht.
Aber es ist nicht nur die malerische Herausforderung,
der sich McKinniss stellt. Er ist auf der Suche nach dem
flüchtigen Moment, den er in seinen Bildern dauerhaft
werden lässt. Einerseits bezieht er sich explizit auf das
Nachtleben, die Clubs und Partysszene, an der er selbst
teilhat, andererseits sind seine Bilder aus diesem
Kontext herausgerissen und erscheinen ohne
bestimmbare Orts- und Raumangaben. Auf diese Weise
entstehen sehr stimmungsvolle, schweigsame und
einsame Bilder.
Sowohl Doron Langberg als auch Sam Mckinniss geben
in ihrer ersten Ausstellung in Europa einen
persönlichen Einblick in ihr privates New Yorker
Nachtleben und überzeugen durch ihr malerisches
Können. Nicht nur das Bild New Yorks wird von ihnen
um neue Facetten bereichert, sondern sie zeigen auch,
warum es sich noch immer um eine der
interessantesten Kunstmetropolen weltweit handelt.
(Text von Ulrich Imo)