Imogen Stidworthy Interview
Ersten Gastbeitrag von livedocumentation.de. Das Team führte ein Interview mit der Installationskünstlerin Imogen Stidworthy.

documenta Gastbeitrag

Stidworthy, 1963 geboren und in London aufgewachsen, absolvierte Ihr Studium an der Jan van Eyck Akademie für Bildende Kunst und Design in Maastricht. Warum im Ausland:
„Ich konnte über mein Werk sprechen und es machte auch irgendwie Sinn, aber ich spürte, dass es nicht den Punkt traf.“ Die Konfrontation mit der fremden Kultur und vor allem mit der neuen Sprache wurde zu einer Auseinandersetzung mit dem kulturellen Gebrauch und Wert von Sprache. Seitdem zieht sich das Thema durch ihre Installationen. Heute lebt Stidworthy in Liverpool und Amsterdam. In Deutschland war die Künstlerin auch schon vor der documenta: 2001 bis 2002 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. (Quelle Julia Schappert, livedocumentation.de)

Imogen Stidworthy

Das Interview mit Imogen Stidworthy:

livedocumentation: Frau Stidworthy, Sie stellen in diesem Jahr erstmals auf der documenta aus. Worum geht es in Ihrer Installation?

Imogen Stidworthy: Also, ich habe eine Installation aus mehreren Elementen geschaffen, die sich mit Sprechen und Sprache befasst und mit der Beziehung zwischen Sprache und Bild. Es geht besonders um die Beziehungen zwischen Sprache und Selbstverständnis. Meine Installation zeigt einen sehr intimen Prozess zwischen einer Sprachtherapeutin und einem Mann namens Edward Woodman. Er leidet an einer Gehirnschädigung, die sich auf das Sprachzentrum auswirkt. Vor sieben Jahren hatte er einen Unfall. Er lernt jetzt wieder, Wörter verständlich auszusprechen.

livedocumentation: Es sind auch Fotos des Londoner Bahnhofs King’s Cross zu sehen, die Edward Woodman gemacht hat. Was hat es damit auf sich?

Stidworthy: Als ich in seinen Therapiesitzungen saß und seine Fotos ansah, habe ich eine sehr interessante Beziehung zwischen den Tönen und Wortformen, an denen er arbeitet, und dem Prozess von Abriss und Wiederaufbau auf der Baustelle entdeckt. Edward versucht, Töne und Worte zu perfektionieren. Das ist ein sehr körperlicher Vorgang. Er artikuliert sehr genau. In der Installation gibt es also eine Reihe von Elementen, die alle gewissermaßen Fragmente von etwas darstellen, das wahrscheinlich nicht ganz sein kann. Das einzige, was die einzelnen Elemente vervollständigen kann, ist die Verbindung unter ihnen. Der Betrachter muss diese Verbindung herstellen. Und das ist eine Reflektion der Erfahrungen, die Edward gemacht hat und die jeder von uns macht, wenn Sprache zu zerbrechen beginnt.

livedocumentation: Warum zeigen sie Herrn Woodman, wie er “I hate” (Ich hasse) sagt?

Stidworthy: Weil es ein so einmaliger, starker, definierbarer Satz ist. Hört man die Wiederholung des Wortes, sieht man, wie es ein körperliches Objekt zwischen der Sprachtherapeutin und Edward wird. Man fühlt sehr schnell, dass die Definition, die man mit diesem Wort verbunden hat, instabil wird. Schließlich beginnt sie, zu verrutschen. Es fängt an, alle möglichen unterschiedlichen Dinge zu bedeuten.

livedocumentation: Wann haben Sie begonnen, sich mit Sprache und der Frage auseinanderzusetzen, was passiert, wenn man seine Sprache verliert? Und warum haben sie damit begonnen?

Stidworthy: Ich habe wahrscheinlich 1992 damit begonnen, als ich England verließ und begann, in Holland zu studieren. Ich ging dorthin und stellte meine eigene Art, über meine Arbeit zu sprechen, zunächst einmal in Frage. Da wurden mir die Symptome einer nicht zufriedenstellenden Sprache deutlich bewusst. Ich konnte zwar über meine Arbeit sprechen und es schien auch eine schlüssige Geschichte zu sein, aber es fühlte sich nie so an, als würde ich wirklich den Nagel auf den Kopf treffen. Der Umzug in einen fremden Sprachraum, raus aus meinem kulturellen Zusammenhang, setzte einen Prozess des In-Frage-Stellens in Gang. Ich stellte meinen persönlichen Sprachgebrauch in Frage aber auch weit gefasste kulturelle Bräuche, Bedeutungen und Werte, die an Artikulation gebunden sind.

livedocumentation: Ist es das, was Sie auch den Besucher fühlen oder erleben lassen wollen?

Stidworthy: Ich denke … sicherlich zu einem gewissen Grad. Es ist aber etwas, das wir alle ohnehin erleben. Wir erleben es jedesmal, wenn wir ins Ausland gehen. Wir erleben es, wenn wir den Faden verlieren oder wenn uns ein Wort zu einem Gedanken nicht einfällt. Wir erleben es, wenn wir wieder und wieder über das nachdenken, was jemand gesagt hat. Dann beginnen wir zu erkennen, dass etwas plötzlich viele verschiedene Bedeutungen haben kann und dass man an feste Bedeutungen und feste Identitäten nicht mehr glauben kann. Man kann ihnen nicht mehr vertrauen.

livedocumentation: Was bedeutet es Ihnen, Teil der documenta zu sein?

Stidworthy: Es bedeutet Unterschiedliches. Zunächst einmal bin ich natürlich sehr glücklich, teilzunehmen. Außerdem interessiere ich mich sehr für die Zusammenhänge. Ich habe noch nicht die gesamte Ausstellung gesehen. Heute morgen hatte ich nur Zeit für die Hälfte der Aue. Ich denke, es ist sehr aufregend. Es gab sehr aufregende und konfrontative Entscheidungen und Herangehensweisen. Ich kann nur für mich sprechen. Andere Künstler haben möglicherweise andere Erfahrungen gemacht, aber ich fand die Arbeit wirklich extrem ergiebig und interessant.

livedocumentation: Und als Besucherin?

Stidworthy: Ich bin kaum Besucherin gewesen. Ich kann wirklich keine Besucherin sein. Nein, ich bin keine Besucherin.

Interview: Julia Schappert und Britta Schultejans
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