Architektur Zeichnungen der Wiener Secession in Paris und Berlin
Architekturzeichnungen von Josef Hoffmann, Otto Wagner und anderen Protagonisten der Wiener Moderne sind in Paris und Berlin zu sehen.

Ausstellung Zeichnungen

Mit der Ausstellung „Un art total. Dessins de la Sécession viennoise“ richtet das Musée d'Orsay den Blick auf ein Medium, das oft im Schatten monumentaler Architektur steht – und doch deren geistiger Ursprung ist: die Zeichnung. In einer konzentrierten Präsentation entfaltet sich hier nicht weniger als das programmatische Herz der Wiener Moderne.

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Wiener Secession - eine Bewegung im Aufbruch

Die Wiener Secession entstand um 1897 als bewusster Bruch mit akademischen Traditionen. Künstler wie Gustav Klimt, Josef Hoffmann und Otto Wagner verfolgten ein radikales Ziel: die Aufhebung der Grenzen zwischen den Künsten. Ihr Leitgedanke – das Gesamtkunstwerk – verstand Gestaltung als Einheit von Architektur, Interieur, Grafik und Alltagskultur. Kunst sollte nicht länger dekorativer Zusatz sein, sondern eine neue Lebensform prägen.

Die Architekturzeichnung als Denkraum

josef hoffmann architekturzeichnung
Foto: Josef Hoffmann Pavillon autrichien, Exposition internationale d'art, Rome, 1911, 1911 Musée d'Orsay Achat, 2023 © GrandPalaisRmn (musée d'Orsay) / Michel Urtado

Im Zentrum der Ausstellung steht eine jüngst erworbene Arbeit von Josef Hoffmann: eine seltene Architekturzeichnung aus dem Jahr 1911. Sie entstand auf dem Höhepunkt seines Schaffens – im Umfeld des berühmten Stoclet-Palais in Brüssel – und bündelt in strenger Linienführung und grafischer Präzision seine Vision moderner Architektur.

Diese Zeichnung ist kein isoliertes Meisterwerk, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs: Bereits 1997 gelangten 42 Blätter von Schülern Otto Wagners in die Sammlung des Museums, darunter Arbeiten von Emil Hoppe, Marcel Kammerer und Otto Schönthal. Gemeinsam machen sie sichtbar, wie intensiv die zeichnerische Forschung als Grundlage architektonischer Innovation betrieben wurde.

Zeichnungen von Josef Hoffmann, Otto Wagner, Emil Hoppe, Marcel Kammerer und Otto Schönthal

marcel kammerer zeichnung
Foto: Marcel Kammerer Grand hôtel Wiesler à Graz (Autriche), salle des fêtes, 1909 © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt

Was diese Blätter verbindet, ist weniger ein einheitlicher Stil als eine gemeinsame Haltung: Architektur wird als umfassende Disziplin begriffen. Sie reicht vom Städtebau bis zum Möbel, vom Ornament bis zur Raumwirkung. Dieses Denken kulminierte in Projekten wie dem Palais Stoclet, das als Ikone des Gesamtkunstwerks gilt, oder im Palais de la Sécession, das selbst als Manifest der Bewegung entstand.

Auch interdisziplinäre Projekte wie die Beethoven-Ausstellung von 1902, bei der Malerei, Musik und Architektur verschmolzen, zeigen, wie ernst die Idee der „totalen Kunst“ genommen wurde.

Die ausgestellten Zeichnungen offenbaren eine faszinierende Spannung: Einerseits sind sie geprägt von rationaler Konstruktion, geometrischer Klarheit und methodischer Disziplin. Andererseits tragen sie eine subtile Sinnlichkeit in sich – sichtbar in ornamentalen Rhythmen, fließenden Linien und der suggestiven Kraft des Unfertigen.

Gerade diese Dualität macht den Reiz der Wiener Secession aus. Sie verbindet technische Präzision mit ästhetischer Vision – eine Kombination, die den Übergang zur klassischen Moderne entscheidend geprägt hat.

Un art total - Zeichnungen im Musée d'Orsay

„Un art total“ ist mehr als eine historische Rückschau. Die Ausstellung zeigt, wie aktuell die Fragen der Wiener Secession geblieben sind:
Wie lassen sich Kunst, Design und Alltag zusammendenken?
Welche Rolle spielt Gestaltung für gesellschaftliche Veränderung?

Die Antwort der Wiener Moderne war radikal – und wirkt bis heute nach. In einer Zeit, in der Disziplinen erneut zusammenwachsen, erscheint ihr Anspruch auf Einheit überraschend zeitgemäß. Das Musée d'Orsay zeigt eine konzentrierte Schau, welcher ein präziser, fast intimer Blick auf die geistigen Ursprünge der Moderne ist.

Otto Wagner - Architekturzeichnung in Berlin

otto wagner architekturzeichnung
Foto: Otto Wagner, Studie für den Berliner Dom, 1890/91, Bleistift, Feder laviert, 57,5 × 81,4 cm Wien Museum, Inv.-Nr. 96.001/2

Parallel zur Pariser Ausstellung richtet sich der Blick derzeit auch in Berlin auf einen Protagonisten der Wiener Moderne: Die Tchoban Foundation zeigt im Museum für Architekturzeichnung die Ausstellung „Otto Wagner – Architekt des modernen Lebens“.

Erstmals seit über 60 Jahren ist damit das Werk Wagners wieder umfassend in Deutschland zu sehen – und konsequenterweise in Form von Zeichnungen. Die Präsentation vereint zentrale Blätter aus der umfangreichen Sammlung des Wien Museums und spannt einen Bogen von frühen historistischen Entwürfen bis zu den radikal reduzierten Projekten der Spätzeit.

Besonders aufschlussreich ist dabei der kuratorische Fokus auf die Zeichnung als strategisches Medium: Wagner nutzte sie nicht nur zur Planung, sondern als „Waffen aus Papier“ im Kampf um eine neue Architekturauffassung. Die Berliner Schau macht damit sichtbar, was auch die Pariser Ausstellung eindrücklich zeigt: Die Moderne entstand nicht zuerst im gebauten Raum, sondern auf dem Blatt. In der Gegenüberstellung beider Ausstellungen entsteht so ein faszinierender Dialog – zwischen Wien, Paris und Berlin – über die zeichnerischen Ursprünge einer Architektur, die das 20. Jahrhundert prägen sollte.

otto wagner aquarell villa
Foto: Otto Wagner, Zweite Villa Wagner, 1912 Bleistift, Buntstift, Feder, Aquarell, 56,3 × 46,4 cm Wien Museum, Inv.-Nr. 96.003/1

A Total Art
27.01.2026 - 17.05.2026
Musée d’Orsay Paris

Otto Wagner – Architekt des modernen Lebens
31.1.–17.5.2026
Museum für Architekturzeichnung, Berlin

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